Blickpunkt

Umgang mit gewaltbereiten Klienten im ÖGD

Polizei, Rettungsdienste, Schulen und Verwaltungen stellen eine zunehmende Gewaltbereitschaft fest. Auch im ÖGD erleben Mitarbeitende verbale und körperliche Gewalt. Der Umgang mit aggressiven und gewalttätigen Klienten/-innen ist neu und sehr belastend.

 

 

 

 

 

Personalmangel, mangelhafte Ausstattung und Unterfinanzierung sind Risikofaktoren für Gewalt. Langwierige Verfahren im öffentlichen Dienst, in Kombination mit einer ausgedünnten Personaldecke, führen zu Zeitmangel seitens der Mitarbeitenden. Zusätzlich sind Klienten/-innen und ihre Familienangehörige oft in einer Ausnahmesituation, in der sie gestresst, aufgewühlt und besorgt sind. Manche fühlen sich den ÖGD-Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern unterlegen und ausgeliefert, andere befinden sich in der akuten Phase einer psychiatrischen Erkrankung. Zusätzlich stehen Klienten/-innen manchmal unter dem Einfluss von Alkohol, Drogen oder starken Medikamenten. Alle diese Faktoren tragen dazu bei, dass Klienten/-innen aggressiv und unberechenbar werden.

Mitarbeitende werden körperlich attackiert, viele erfahren Beleidigungen oder Drohungen. Gewalt wird auch gegen Sachen ausgeübt, z.B. Büroeinrichtungen. Darüber hinaus nutzen Klienten/-innen heute das Internet und soziale Medien, um ihren Unmut auszudrücken, Mitarbeitende zu diffamieren oder zu beleidigen. Gewalterfahrungen sind mittlerweile häufig so normal, dass sie von Mitarbeitenden schon als Teil der Tätigkeit akzeptiert werden.

Dabei sind verbale und körperliche Gewalt immer belastend. Neben den resultierenden körperlichen Verletzungen können sich Angstzustände, Erschöpfung, Schlafstörungen mit Albträumen bis hin zu einer post-traumatischen Belastungsstörung einstellen. Das kann dazu führen, dass Mitarbeitende ihren Beruf nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr ausüben wollen - oder können.

Darüber hinaus kosten Zwischenfälle mit aggressiven Klienten/-innen Zeit, Aufmerksamkeit und Nerven, demotivieren das Team, senken die Leistungsfähigkeit und belasten die Arbeitsatmosphäre.

Aber bisher werden Gewalterfahrungen im ÖGD zu wenig beachtet, zum Teil als irrelevant abgetan oder selbst toleriert. Schwierig ist, dass diese Erfahrungen, ähnlich wie aus dem Umgang mit Häuslicher Gewalt bereits bekannt, häufig dazu führen, dass die Opfer verantwortlich gemacht werden und so Gewalterfahrungen verschwiegen oder bagatellisiert werden.

Dabei ist ein derartiger Umgang mit Gewalt in anderen Bereichen des öffentlichen Dienstes, z.B. in der Polizei oder Justiz, völlig inakzeptabel. Grundsätzlich sollten sich Mitarbeitende im ÖGD während der Arbeit sicher fühlen können. Konkrete Schritte sind notwendig, um diese Sicherheit zu gewährleisten. Mitarbeitende müssen vor Gewalt am Arbeitsplatz geschützt werden.

Für den ÖGD benötigen wir eine klare Datenlage über das Ausmaß des Problems und klare Richtlinien, um individuelle Sicherheit für Mitarbeitende zu gewährleisten und gewaltbereite bzw. gewalttätige Klienten/-innen zu identifizieren und eine Bedrohung zu managen.

Empirische Forschung zu diesem Thema gibt es bisher kaum, das wäre aber dringend notwendig.


Dr. med. Peter Tinnemann
Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen