Blickpunkt

Flagge gehisst, Kurs gesetzt – eine Idee nimmt Fahrt auf

Das unter Beteiligung der Akademie entstandene Leitbild für den Öffentlichen Gesundheitsdienst schafft ein modernes Image und zeigt den Mitarbeitenden eine gemeinsame Richtung auf. Die Umsetzung im Alltag wird zukünftig wichtig für die Auf gaben und die Wertigkeit der Tätigkeiten für die Öffentliche Gesundheit.

 

In Deutschland kommt niemand auf die Idee, sein Wasser abzukochen. Es kommt auch keine niedergelassene Kinderärztin auf die Idee, bei einem kleinen Patienten mit Masern herauszufinden, welche Kinder möglicherweise noch angesteckt wurden. Es wird von der Bevölkerung erwartet, dass sich die Mitarbeitenden im ÖGD darum kümmern und alles richtig gemacht wird. Wenn alles funktioniert, wird es kaum gesehen und selten wahrgenommen.

Die Welt um uns herum ändert sich ständig. Das hat Einfluss darauf, wie wir Dinge wahrnehmen und tun. Die gesellschaftlichen Herausforderungen an das Gesundheitssystem in Deutschland haben sich im Laufe der letzten Jahre stark verändert. Die Aufgaben im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und sein Profi l haben sich bereits in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Mit diesem Wandel insgesamt geht auch ein Wandel des Selbstverständnisses und der Leitorientierung des ÖGD einher. Der ÖGD muss neben hoheitlichen Aufgaben verstärkt sozialen Herausforderungen und modernen zivilgesellschaftlichen Erwartungen sowie in seiner Arbeitsweise auch dem wissenschaftlichen Anspruch gerecht werden.

Aus diesem Grund stellte die Gesundheitsministerkonferenz (GMK) in ihrem Grundsatzbeschluss 2016 fest, dass die Bezeichnung des ÖGD als dritte Säule im Gesundheitswesen, neben der ambulanten und der stationären Versorgung, die aktuellen Herausforderungen für den Dienst an der Öffentlichen Gesundheit nicht mehr umfassend genug abbildet. Es braucht einen neuen Kurs, um den ÖGD auf die heutigen und die zukünftigen Herausforderungen auszurichten und die Arbeit im ÖGD effektiv und effizient zu gestalten. Daher hat die GMK die Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden (AOLG) beauftragt, ein modernes Leitbild für den ÖGD zu entwickeln.

„Wenn du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry beschreibt mit seinen besonderen Worten, wozu ein Leitbild nötig ist: Begeisterung wecken, ein Ziel ins Visier nehmen und dann das Beste geben, um anzukommen.

Zu der Entwicklung eines Leitbildes gehört, sich ein Bild davon zu verschaffen, welche Vorstellung diejenigen bereits heute haben, mit denen das Leitbild entwickelt wird. Außerdem sollte Klarheit darüber herrschen, was das Leitbild zukünftig leisten soll. Denn ein Leitbild soll nach innen und außen vermitteln, was Mitarbeitende oft schon immer wussten. Eine eigene Vision und feste Werte sollen alle Beteiligten dazu bringen mitzuziehen und einen gemeinsamen Weg zu beschreiten. Das muss diskutiert, formuliert und ausgesprochen werden. Wenn sich die Rahmenbedingungen verändern, müssen die Festlegungen in regelmäßigen Abständen kritisch hinterfragt werden. Ebenso ist dies der Fall, wenn festgestellt wird, dass sich der Kurs oder das Ziel vom Festgelegten oder von der Realität abweicht.

Auch wenn es zum Thema Leitbild oft ganz unterschiedliche Meinungen gibt, sind Leitbilder generell notwendig und sinnvoll. Gerade in unserer heutigen Welt, in der Veränderungen oft extrem schnell passieren. Denn mit einem Leitbild können Kultur und Handeln verändert werden. Dazu braucht es einen starken Anfang, die gezielte Umsetzung im Alltag, einen Willen für ein langes Durchhaltevermögen und die kontinuierliche Sorge um die vermittelten Werte und Ideen.

Die oben erwähnten ständigen gesellschaftlichen Veränderungen machen Orientierungspunkte für Mitarbeitende notwendig. Leitbilder sollen sich dabei nicht wie das Fähnchen im Wind bewegen, sondern einen Unterschied machen durch Substanz, Wertvorstellungen und Impact. Ein Leitbild legt fest, was nach außen vermittelt werden soll, was die Mitarbeitenden im ÖGD bereits seit langem wussten und vielleicht gefühlt haben, aber das noch nicht beschrieben und artikuliert ist. Leitbilder haben einen Sinn, wenn sie authentisch sind, und wenn parallel zur gemeinsamen Erarbeitung ein Prozess der Umsetzung stattfindet. Wenn das Bemühen aller, in eine gemeinsame Richtung zu gehen, spürbar wird, wenn die im Leitbild verankerten Werte durch das Verhalten im täglichen Leben deutlich werden, dann wird aus einem theoretischen Leitbild eine gelebte Gemeinsamkeit.

Um es mit Antoine de Saint-Exupéry zu sagen, wenn wir es schaff en, Menschen zu motivieren und sich einzubringen, dann haben sie nicht nur Freude an dem was sie tun, sondern sie bewegen etwas in ihrer Umgebung, in ihrer Arbeitswelt und der Gemeinde, in der sie leben. Aus diesem Grund war im Rahmen der Jahrestagung der Akademie 2017 das neue Leitbild das Thema eines ganzen Tages. Praktizierende und theoretisch Arbeitende aus kommunalen Einrichtungen, Ministerien und Universitäten saßen zusammen, um über einen Leitbild-Entwurf zu debattieren.

Leidenschaftlich und mit viel Esprit führte Prof. Dr. Hoff man aus dem Institut für Community Medicine an der Universität Greifswald in das Thema und die Ideen des Leitbildes ein – dem folgten Kommentierungen durch Jörg Freese vom Deutschen Landkreistag, Prof. Dr. Nico Dragano von der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf, Dr. Gottfried Roller aus dem Gesundheitsamt Reutlingen und Dr. Kirsten Hasper aus dem Gesundheitsamt Rhein-Sieg Kreis. Peter von Philipsborn, konfrontierte das Auditorium abschließend mit fünf Thesen als Medizinstudierender der Technischen Universität München. Dabei machte er deutlich, dass eine angemessene Bezahlung qualifizierter Mitarbeitender im ÖGD auch eine Frage von Anerkennung und Wertschätzung ist. Zusätzlich gab er den Teilnehmenden mit auf den Weg, dass der ÖGD mehr gestalten als verwalten solle, um für junge Menschen einen attraktiven Arbeitsplatz zu bieten. Nachmittags setzten sich die Teilnehmenden in Workshops mit unterschiedlichen Fragen auseinander, um den bestehenden Entwurf des Leitbildes weiter zu entwickeln. Alle dabei gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen wurden in den Entstehungsprozess des Leitbildes mit einbezogen.

Im Beisein von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat danach die 91. Gesundheitsministerkonferenz (GMK) 2018 in Düsseldorf auf ihrem zweitägigen Treffen u. a. darüber beraten, wie der Öffentliche Gesundheitsdienst gestärkt und seine öffentliche Wahrnehmung verbessert werden kann. Dabei wurde von der GMK ein vorgelegtes neues Leitbild beschlossen, das eine Richtung und einen Plan für den ÖGD vorgibt. Die Mitarbeitenden im ÖGD haben mit dem neuen Leitbild einen klaren Standort, eine Richtung und eine moderne Identität bekommen. Das Leitbild gibt insbesondere den Mitarbeitenden in den Gesundheitsämtern Orientierung und sieht den ÖGD als einen zentralen Akteur der öffentlichen Sorge um die Gesundheit aller (engl. public health). Es schlägt eine Brücke zwischen Theorie und Praxis ebenso wie zwischen Gesundheitsschutz und Gesundheitsförderung. Wie die GMK bereits im Auftrag für das Leitbild festgestellt hat, ist der ÖGD mehr als eine von drei Säulen im Gesundheitssystem. Mit dem neuen Leitbild macht sich der ÖGD als Teil des Gesundheitssystems auf, um sich endlich vom „verstaubten Amtsschimmel“-Image und aus der vermeintlichen Konkurrenz mit dem ambulanten und stationären Sektor zu lösen. Das neue Leitbild macht deutlich, dass der ÖGD weit mehr ist: Er ist ein tragendes Element des Gesundheitssystems und das Fundament für Öffentliche Gesundheit in Deutschland.

Die Ministerinnen und Minister, Senatorinnen und Senatoren für Gesundheit der Länder begrüßen das vorgelegte umfassende Leitbild, welches die aktuellen Anforderungen an einen modernen ÖGD gut abbildet und empfehlen allen Akteuren des ÖGD, dieses Leitbild für die eigene Ausrichtung anzuwenden. Auf der Basis des neuen Leitbildes sollen zukünftig Handlungen und Entscheidungen getroffen werden. Es will Handlungssicherheit bieten und Handlungsrichtlinien vorgeben für Mitarbeitende, Partnerinnen und Partnern, Klientinnen und Klienten im ÖGD.

Perspektivisch wird das neue Leitbild so lange Bestand haben, so lange es leitet. Mit dem Leitbild sind für den ÖGD Wertvorstellungen formuliert worden, die zeigen, dass – in einer zunehmend privatisierten Welt voller austauschbarer Dienstleistungen – die Rolle des ÖGD im Gesundheitssystem die öffentliche Verantwortung für Gesundheit ist.

Es kommen weitere Herausforderungen auf den ÖGD zu. Auf der Jahrestagung der Akademie 2018 haben wir uns mit dem Thema „Globale Gesundheit“ (engl. global health) auseinandergesetzt. Im Zeichen einer fortschreitenden Globalisierung bildet die Übertragung von Krankheiten über Ländergrenzen hinweg eine zentrale Herausforderung für den ÖGD. In der öffentlichen Diskussion wird dabei in Frage gestellt, ob die kommunalen Einrichtungen die Aufgaben im Bereich Gesundheitsschutz, z.B. bei Grippewellen oder Masernausbrüchen, und Gesundheitsvorsorge, z.B. beim Impfschutz, vor dem Hintergrund der personellen und finanziellen Ausstattung noch ausreichend wahrnehmen können. Die Debatten der Jahrestagung haben anschaulich verdeutlicht, wie zentral und vielschichtig das Thema Öffentliche Gesundheit für die Bevölkerungsgesundheit ist. Die globalen Entwicklungen, wie beispielsweise der Klimawandel, antimikrobielle Resistenzen und Migration werden sich zukünftig auf die Arbeit des ÖGD auswirken. Wie die gesundheitspolitisch Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen und die Einrichtungen des kommunalen Gesundheitsdienstes in Deutschland zukünftig damit umgehen werden, sollte in der weiteren Diskussion um das Leitbild zukünftig unbedingt berücksichtigt werden.

Oder wie Antoine de Saint-Exupéry sagt: „Man kann nicht in die Zukunft schauen, aber man kann den Grund für etwas Zukünftiges legen – denn Zukunft kann man bauen.“ Und genau das macht ein Leitbild, es gibt Visionen, Werte und Führung.

(tei/tin)

Die Umfrage zum Thema können Sie sich <link file:8954 _self file-link "Link zu einer internen Seite">hier anschauen</link>.