Blickpunkt

ÖFFENTLICHER GESUNDHEITSDIENST

Ohne Fachärztinnen und Fachärzte läuft es nicht!

Um bevorstehende gesellschaftliche Transformationen zu bewältigen und die Bevölkerungsgesundheit sicherstellen zu können, werden zentral Fachärzte/innen benötigt, die Verantwortung gegenüber der Öffentlichkeit wahrnehmen.

Im Zusammenhang mit dem drohenden Klimanotfall hat Richard Horton, Herausgeber der renommierten medizinischen Fachzeitschrift „The Lancet“, kürzlich eine deutliche Aussage gemacht, die in den sozialen Medien vielfach geteilt wurde:

„In der Medizin geht es darum, die menschliche Spezies zu schützen und zu stärken (…). Die Pflichten eines Arztes liegen in erster Linie bei einem einzelnen Patienten oder der Öffentlichkeit, der sie dienen.“ (https://www.rubberrepublic.com/new-work-richard-horton-the-lancet).

Diese Feststellung reflektiert den Tenor des Paragraphen 1 der Bundesärzteordnung, der die Grundlagen für den ärztlichen Beruf beschreibt: „Der Arzt dient der Gesundheit des einzelnen Menschen und des gesamten Volkes“ (Bundesärzteordnung, 2019). Damit ist die beson¬dere Verantwortung von Ärztinnen und Ärzten gegenüber der Gesundheit aller Menschen in Deutschland festgestellt und anerkannt.

Neben ärztlichen Aufgaben der Gesundheitsförderung und Prävention, was in Deutschland eingeschränkt oft als Public Health verstanden wird, sichern Fachärz-te/innen für Öffentliches Gesundheitswesen darüber hinaus den Schutz der Bevöl-kerung vor Krankheit. Denn nur Ärzte/innen im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) überblicken alle Facetten der Bevölkerungsmedizin und können gesetzlich legitimiert handeln. Perspektivisch wird im ÖGD auch die ärztliche Fürsorge für die Patienten/innen gestärkt werden müssen, die in Deutschland durch eine gesellschaft¬lich ungleiche Verteilung nicht an der Gesellschaft partizipieren können – was den demokratischen Sozialstaat zuneh¬mend ins Wanken bringt.

Leider wird immer wieder versucht, die Bedeutung von Ärzte/innen für die Bevölkerungsgesundheit in Frage zu stellen. Aber vor den drohenden existentiel¬len Herausforderungen für unsere Gesellschaft durch die mittlerweile wahrnehm¬baren Klimaveränderungen und den damit verbundenen gesellschaftlichen Transfor-mationen, gewinnt die besondere Rolle von Ärzten/innen für die Bevölkerungsge-sundheit – weltweit – wieder zunehmend an Bedeutung. Gerade in unserer Gesell-schaft, in der Menschen durch die Informationsflut und zahlreiche „fake news“ zuneh¬mend nach vertrauenswürdigen Institutionen suchen, wird das besondere Vertrauen der Bevölkerung gegenüber dem ärztlichen Berufsstand, das auf der wissenschaftlich basierten Ausbildung und der wirtschaftlichen Unabhängigkeit von privaten Interessen beruht – gerade der von Ärzten und Ärztinnen im ÖGD – wieder wichtiger.

Die Tatsache, dass heute in Deutschland bereits einige Gesundheitsämter mit einer stark reduzierter Anzahl Ärzten/innen, zum Teil bereits komplett ohne Ärzte/innen, versuchen zu funktionieren, ist ein alarmierendes Zeichen. Gerade das Vertrauen der Öffentlichkeit darf nicht aufs Spiel gesetzt werden. Da ist es essentiell, dass gerade die Leitung eines Gesundheits¬amtes durch eine/n Facharzt/ärztin für Öffentliches Gesundheitswesen besetzt ist, denn wer möchte schon von einem Nicht-Chirurgen operiert werden …


Dr. Peter Tinnemann
Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen

Prof. Dr. René Gottschalk

Leiter des Gesundheitsamtes Frankfurt/M.