Blickpunkt

Gemeinsam reden, gemeinsam planen, gemeinsam handeln?!

Im Bereich der Frühen Hilfen sind Fachkräfte aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern, Professionen und Disziplinen tätig. Dadurch kommt es oftmals zu begrifflichen und konzeptuellen Verwirrungen, die sich in der Praxis immer wieder als Fallstrick erweisen. Deshalb haben die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen, die Fachhochschule Münster und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren einen interdisziplinär ausgerichteten Fachtag zur Bündelung wichtiger Diskussionen und Kontroversen gemeinsam geplant und durchgeführt. Im Folgenden werden wichtige Ergebnisse der Veranstaltung mit dem Ziel präsentiert, Klarheit zu alltäglich benutzten Fachbegriffen zu schaffen und den Weg zu interdisziplinärer Kompetenz in den Frühen Hilfen zu ebnen.

Das Bundeskinderschutzgesetz ruft Einrichtungen des Gesundheitswesen und der Kinder- und Jugendhilfe gleichermaßen auf, sich im Kontext Früher Hilfen für ein gutes und gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen einzubringen und einzusetzen. Im Kern geht es bei Frühen Hilfen um den Auf- und Ausbau von Handlungskonzepten, die sich auf zwei Grundüberlegungen stützen: Es sollen zum einen für Familien mit Kindern unter drei Jahren niedrigschwellige Zugänge zu Unterstützungsangeboten geschaffen werden, zum anderen sollen frühzeitig schwierige Lebenslagen und/oder riskante Entwicklungen erkannt und bearbeitet werden, um einer Verfestigung dieser Problemlagen entgegenzuwirken.
Einerseits bezieht sich das „frühzeitig“ demnach auf eine biografische Perspektive, also auf die Entwicklungsphasen von Kindern; andererseits gilt dieses „frühzeitig“ dem Entstehungsprozess von Krisen, indem schon zu einem möglichst frühen Zeitpunkt einer Problementstehung/- entwicklung angemessene und wirksame Hilfsangebote formuliert werden. Diese doppelte Dimensionierung des Begriffs „frühzeitig“ im Kontext Früher Hilfen ist immer wieder Ursache für Verständigungsschwierigkeiten.


Frühe Hilfen – ein innovatives und interdisziplinäres Arbeitsfeld

Die Frühen Hilfen als modernes Leistungsnetz haben sich aus einer kontroversen Kinderschutzdebatte heraus entwickelt und im Laufe der letzten Jahre von ihr emanzipiert. Heute sind neben originären Vertretern und Vertreterinnen der Kinder- und Jugendhilfe auch unterschiedliche Akteure des Gesundheitswesens wie Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen, Familienhebammen, Kinderkrankenpflegekräfte, Fachkräfte der Frühförderung u.a. in diesem Bereich tätig und erbringen passgenaue und niedrigschwellige Leistungen. Sie werden insbesondere dann aktiv, wenn es sich um schwierige Konstellationen des Aufwachsens handelt. Speziell die Kinder- und Jugendhilfe und das Gesundheitswesen sind hier gefordert.
Den Auftrag zur Gestaltung Früher Hilfen gab es bereits in anderen Gesetzen, wie beispielsweise dem Sozialgesetzbuch V und in Gesetzen für den Öffentlichen Gesundheitsdienst. Frühe Hilfen sind allerdings nur dann wirksam, wenn auch andere Instanzen gesellschaftlicher Daseinsvorsorgemit integriert werden, wie z.B. die materielle Sicherung von Eltern und Kindern. Deshalb wird überall in Deutschland an und in Netzwerken Früher Hilfen gearbeitet, die mit dem Bundeskinderschutzgesetz seit 2012 auch rechtlich bindend sind und inzwischen einen hohen Abdeckungsgrad haben.
Moderne Hilfesysteme setzen auf Interdisziplinarität. Sowohl im Bereich der Prävention (Frühe Hilfen) als auch im Bereich des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung sind die Fachkräfte des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe aufgefordert, eng zusammenzuarbeiten und ihre Arbeitsansätze zu verzahnen. Auf Bundesebene wird dieses Anliegen über die gemeinsame Trägerschaft des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) durch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) transportiert. Hier arbeiten Wissenschaft und Praxis gemeinsam daran, Disziplinen und Professionen zu verzahnen.

Aktuelle Probleme und Herausforderungen – Kooperation ist nicht voraussetzungslos!
Im Zuge solcher Verzahnungen stellt sich aber zunehmend heraus, dass den vielfältigen Akteuren die prägenden Denk- und Handlungsmuster der jeweils anderen Disziplin nicht hinreichend vertraut sind. Fachliche, rechtliche, organisatorische und ökonomische Besonderheiten innerhalb der einzelnen Handlungsfelder sind oft nur schemenhaft bekannt, obwohl sie den Hintergrund jeglicher Kooperation darstellen. Hinzu kommen unterschiedliche Fachsprachen und Terminologien, die von Vertretungen der einzelnen Disziplinen durchaus auch unterschiedlich belegt sind. Diskussionen in lokalen Netzwerken, auf überregionalen Fachveranstaltungen oder in interdisziplinär zusammengesetzten Gremien zeigen, dass die Begriffe „Frühe Hilfen“, „Kindeswohlgefährdung“, „Prävention“ oder „Qualitätsmanagement“ in den Disziplinen sehr unterschiedliche Konnotationen haben können.

Die berufliche Verankerung der Fachkräfte in ihren jeweiligen Referenzsystemen, z.B. Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen, Sozialhilfe, Schule, Frühförderung, Arbeitsverwaltung etc., stellt durch die unterschiedlichen gesetzlichen Grundlagen des Handelns eine in der Diskussion zumeist unterschätzte Barriere der Kooperation und Vernetzung dar. Weitere Schwierigkeiten gehen mit den damit jeweilig verbundenen spezifischen Finanzierungsquellen und -modalitäten, ihrer fachhistorisch und professionell begründeten eigenen Fachsprache und mit den gewachsenen gesellschaftlichen Erwartungen und Aufträgen an die einzelnen Systeme einher. Daher kommt es zu typischen Problemen und Fallstricken in der interdisziplinären Kooperation, wie:
• unklare Übergänge und Schnittstellen,
• mangelnde fallunspezifische Vernetzung,
• unproduktive Verweisungsund Delegationsketten,
• Unkenntnis über und fachliche Vorurteile gegenüber anderen Institutionen,
• Angst und Überforderung der Fachleute,
• Prestige- und Machtkonflikten und
• ungeklärte Zuständigkeiten.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es unter dem Anspruch interdisziplinärer Kooperation gelingen kann, Fähigkeiten zu stärken, Theorien, Methoden, Menschenbilder und Kompetenzen verschiedener Fachgebiete zu verbinden. Vor allem das Gesundheitswesen und die Kinder- und Jugendhilfe, aber auch die materielle Sicherung und weitere psychosoziale Versorgungssysteme benötigen Lösungen für die immer komplexeren Anforderungen im Kontext präventiver Unterstützungsangebote. Dazu ist es vor allem notwendig, zunächst ein gemeinsames Verständnis grundlegender Begriffe zu entwickeln.

Interdisziplinäre Kompetenz – Was heißt das?

Der Begriff der interdisziplinären Kompetenz nimmt diese Herausforderung auf. Es geht hierbei darum, ein Verständnis für die Besonderheiten der anderen Handlungsbereiche zu entwickeln und die Denkvoraussetzungen der anderen Disziplinen zu kennen. Es geht auch darum, die Handlungsrationalitäten der anderen Disziplinen nachzuvollziehen und zu verstehen, die „Sprache“ und „Sprachspiele“ der anderen Disziplinen zu kennen und ggf. dechiffrieren zu lernen und damit Anknüpfungspunkte für Kooperationen auszuloten.
Es geht also im Kern um Neugierde, Offenheit und Interesse an den Handlungsabläufen innerhalb der anderen Disziplin und um die Schaffung von wechselseitigen Erfahrungsräumen. Gelingende Frühe Hilfen sind auf eine situative Ausgewogenheit zwischen Kenntnis und Deutung der anderen Handlungsweisen und selbstbewusster Kenntnis der Stärken und Schwächen der eigenen Disziplin angewiesen. Als Grundvoraussetzungen interdisziplinärer Kompetenz gilt in Anlehnung an den hier nicht so fernen Begriff der interkulturellen Kompetenz, das Bestreben, das Verständnis für andere Handlungsweisen und Denkmuster zu vertiefen und die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt transparent zu vermitteln. Es gilt, Flexibilität zu zeigen sowie klar oder deutlich zu sein, wo es notwendig ist. Wichtig ist bei alledem ein kritischer Umgang mit und die Reflexion von eigenen Vorurteilen gegenüber anderen Professionen und Disziplinen. Zusammenfassend geht es um die Schaffung von Gelegenheitsstrukturen für interprofessionelles Handeln, deren unterschiedliche Grade sich folgendermaßen veranschaulichen lassen:

Grundbegriffe und Praxis Früher Hilfen
Damit Frühe Hilfen gelingen, sind Fachkräfte des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe aufgefordert, eng zusammenzuarbeiten, ihre Arbeitsansätze zu verzahnen und belastbare Strukturen der Zusammenarbeit in Netzwerken herzustellen. Interdisziplinäre Kompetenz basiert zunächst auf einem gemeinsamen Begriffsverständnis von handlungsfeldbezogenen Schlüsselbegriffen. Gelingt es nicht, hierüber eine Verständigung zu erreichen, kommt es meist zu Irritationen und somit zu erheblichen Stolpersteinen in der Zusammenarbeit.


Im Folgenden sollen einige der wichtigsten Begriffe erläutert und eingeordnet werden:

I.  Kinderschutz – Schutzauftrag – Frühe Hilfen

Durch die unterschiedlichen Assoziationen zum Begriff des Kinderschutzes, die u.a. durch die teils hitzig geführten fachöffentlichen Debatten entstanden sind, kommt es in Bezug auf den konzeptionellen Kern der Frühen Hilfen oftmals zu Irritationen. Kinderschutz wird einerseits als Rahmen für gesellschaftliche Aktivitäten verstanden, die Kindern und Jugendlichen ein geschütztes Aufwachsen ermöglichen. Andererseits impliziert der Begriff aber auch ein enges Verständnis der Hilfe zur Abwendung unmittelbarer Gefahren für Kinder und Jugendliche bei Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung (Schutzauftrag). Dadurch entsteht allerdings eine begriffliche Mehrdeutigkeit, die den Begriff Kinderschutz als Grundlage einer gemeinsamen Verständigung über das, was man tut, verblassen lässt. Deshalb sollen in der folgenden Übersicht zentrale Ebenen zur Differenzierung der Handlungsweisen dargestellt und damit das Verständnis von Frühen Hilfen geschärft werden. Die Frühen Hilfen stellen darin ein modernes Hilfeleistungsnetz dar, das auf dem Grundprinzip der Freiwilligkeit aufbaut und hierfür das Vertrauen der Adressaten und Adressatinnen benötigt.

II. Prävention - Intervention
Bezeichnet der Begriff der Intervention allgemein ein Eingreifen in eine Situation oder einen Geschehensablauf, so beschreibt der Begriff der Prävention einen Eingriff, der einer antizipierten unerwünschten Entwicklung in der weiteren Zukunft zuvorkommen soll. Insofern charakterisiert der Begriff der Prävention lediglich die zeitliche Vorverlage- S rung einer Intervention auf der Grundlage statistischer Risikozuschreibungen. Im Bereich der Frühen Hilfen wird beispielsweise interveniert aufgrund statistischer Wahrscheinlichkeiten, dass Fehlentwicklungen eintreten könnten, z.B. bei Krankheit oder Sucht von Eltern oder Armut der Familien. Im Bereich des Schutzauftrages wird interveniert aufgrund konkreter Ereignisse bzw. gewichtiger Anhaltspunkte einer Gefährdung, also einer absehbaren konkreten Schädigung eines Kindes/Jugendlichen. Der Begriff Prävention kennzeichnet also nur einen spezifischen Zeitpunkt und die Gründe für eine Intervention. Ebenso breit angelegt wie der Begriff der Intervention ist aber auch der Begriff der Prävention, da er sowohl universal als primäre Prävention auftritt, als auch sehr speziell als tertiäre Prävention unmittelbare Eingriffe zur Verhütung absehbarer zukünftiger Schädigung beschreibt. Der § 1666 BGB z.B. hat allein aufgrund seiner Diktion (Abwendung einer Gefährdung; Verhinderung drohender Schädigung) eine eindeutig präventive Funktion: Tätig zu werden, bevor Schädigung eintritt!
Zur Identifizierung spezifischer Strategien im Kontext Früher Hilfen und des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung und zur analytischen Abgrenzung dieser Strategien sind beide Begriffe also nur begrenzt geeignet, da sie - wie schon der Begriff des Kinderschutzes - mit (fast) beliebigen Inhalten assoziierbar sind.

III. Kooperation – Vernetzung
Mit Kooperation und Vernetzung ist in der öffentlichen Diskussion per se ein positiver Handlungsmodus verbunden, der darauf abzielt, vielfältige Kräfte zu bündeln und Synergieeffekte zu fördern. Dabei haben beide Begriffe unterschiedliche Ebenen der Zusammenarbeit zum Gegenstand. Vernetzung erfolgt gemeinhin fallunabhängig. Sie bezieht sich auf gemeinsame Interessen oder Tätigkeitsfelder von Institutionen oder Personen. Sie zielt auf den Austausch von Informationen und gegenseitige Unterstützung und erleichtert bzw. ermöglicht damit den Aufbau von Kooperationen für ein bestimmtes Ziel. Kooperation hingegen bezieht sich gemeinhin auf einen Fall oder auf die Lösung eines Problems. Sie ist daher zeitlich begrenzt. Sie basiert auf vorher zwischen den Beteiligten vereinbarten Zielen und läuft nach vorher zwischen den Beteiligten ausgehandelten Regeln. Sie erfordert eine klare Aufgaben- und Rollenteilung und muss - wenn sie funktionieren soll - verbindlich und zuverlässig sein. Beide Handlungsmodalitäten sollten nicht durcheinander geworfen werden. In Diskussionen sollte man immer wissen, auf welcher Ebene man sich gerade befindet.
Kooperation und Vernetzung sind nicht voraussetzungslos. Sie erfordern, dass die daran beteiligten jeweils ein Mandat ihrer Organisationen haben, sich in ihrem Namen hier verbindlich einbringen können bzw. dürfen, und die entsprechenden Rahmenbedingungen für Vernetzung sichergestellt sind.

Auf dem Weg zu interdisziplinärer Kompetenz – wie Frühe Hilfen gelingen!

Damit Frühe Hilfen gelingen, sind Fachkräfte des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe aufgefordert, eng zusammenzuarbeiten und ihre Arbeitsansätze zu verzahnen. Vielerorts haben sich Kooperationen zwischen Einrichtungen, Diensten und Angeboten der Kinder – und Jugendhilfe und des Gesundheitswesens entwickelt und sind Netzwerke entstanden, die diese Zusammenarbeit auf den Weg bringen sollen.
Alle Akteure in den Frühen Hilfen müssen sich ihrer jeweiligen Rolle im Kontext der Frühen Hilfen bewusst sein. Das Bundeskinderschutzgesetz und einige Landesgesetze zum Kinderschutz stellen hier hohe Ansprüche an das Verfahren und an Fachkräfte außerhalb der Kinder- und Jugendhilfe. Die alles umfassende Chiffre „Kinderschutz“, eine damit oftmals einhergehende Orientierung am „worst case“ und die mit diesem Begriff verbundenen, sehr unterschiedlichen Bedeutungszuschreibungen verhindern oft eine klare Orientierung und Verständigung der handelnden Akteure im Sinne früher Hilfe und Förderung. Die größte Herausforderung besteht darin, inhaltlich fachliche (Brücken-)Konzepte „zwischen den Disziplinen“ stetig kreativ (weiter) zu entwickeln, um gelingendes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zu ermöglichen. Auch über inhaltlich nicht immer kongruente Vorstellungen zu dem, was zu einem gelingenden Aufwachsen trotz widriger Umstände beitragen kann, gilt es sich zu verständigen und aufeinander zuzubewegen. Interdisziplinäre Kompetenzen sind die Voraussetzung dafür, dass die Idee der Frühen Hilfen in der jeweiligen örtlichen Praxis einen fruchtbaren Boden vorfindet und stellen die künftige Herausforderung zur Professionalisierung des Arbeitsfeldes dar.

Schaubild 1: Wege disziplinärer Zusammenarbeit, finden Sie hier.

Schaubild 2: Zur Notwendigkeit einer fachlichen und begrifflichen Differenzierung in der Kinderschutzdebatte, finden Sie hier.

Renate Geuecke, Stefan Heinitz, Reinhold Schone, Erika Sievers