Blickpunkt

Freitag, 07.09.2018

Was tun bei Kindeswohlgefährdung?

Die Vorlagenmappe bietet – wie es im Titel und Untertitel zutreffend benannt ist – Informationsbögen für die Anwendung in einem Verdachtsfall, um die Fakten, Wahrnehmungen und Einschätzungen strukturiert zu erfassen. Im Inhaltsverzeichnis sind die Unterlagen unter acht Gesichtspunkten gegliedert: gesetzliche Grundlagen, Ursachen und Erscheinungsformen, Symptome, Maßnahmen bei Verdacht, Gesprächsführung, insoweit erfahrene Fachkraft, innerbetriebliche Regelungen, Anlaufstellen/Hilfsangebote. Bei den Symptom-Checklisten wird zwischen den verschiedenen Formen von möglicher Kindeswohlgefährdung unterschieden.

 

Die Unterlagen zu konkreten Maßnahmen differenzieren nach Lebensalter in vier Clustern. Die Autorengruppe repräsentiert die Expertisen aus Pädagogik, Kriminologie, Prävention, Sozialpädagogik und Erziehungswissenschaften sowie Schulsozialarbeit. Im Rückentext der Mappe werden die Attribute praktisch, bewährt und handlungssicher verwendet, um den Nutzen für die Anwendung im konkreten Fall zu bewerten. So wird dem interessierten Auge nahegelegt, dass durch die Nutzung der Unterlagen, ein sicheres Handeln im Einzelfall eines Verdachtsfalls auf Kindeswohlgefährdung gewährleistet sei. Aus formaler Sicht und in Verbindung mit der eingeforderten Dokumentation aus verschiedenen Perspektiven des jeweiligen Falls kann dem zugestimmt werden. Doch bleibt insbesondere aus medizinischer Sicht ein nicht ganz kleines „Aber“ im Raum. Denn die Einschätzung einer möglichen Kindeswohlgefährdung sollte neben den aus sozialpädagogischer Expertise bewertbaren Aspekten (Lebensumstände, familiäre Situation, Bindungssituation etc.) auch die körperliche und seelische Gesundheit eines Kindes fachlich fundiert einbeziehen. Dieser Aspekt kommt in den Unterlagen im Hinblick auf die erforderliche Expertise etwas zu kurz. Die abgefragten Items für die Dokumentation von Befunden und deren Bewertung zielen nicht selten auf medizinische, sozialpädiatrische/psychiatrische Diagnosestellungen bei der Betrachtung des Kindes (z.B. eindeutige Vergewaltigungsspuren; Eltern sind suchtabhängig; Symptome der Mutter: psychosomatische Beschwerden). Die Vielschichtigkeit des Themenfelds Kindeswohlgefährdung wird idealerweise durch eine interdisziplinäre Betrachtung des Einzelfalls abgedeckt. In einer Publikation, die nahelegt, dass durch diese Unterlagen direkt und handlungssicher agiert werden kann, ohne auf die erforderliche Einschätzungskompetenz für die abgefragten Items zumindest klar hinzuweisen, wäre eine entsprechende Ergänzung in einer Neuauflage wünschenswert. Zu guter Letzt sollte das Angebot der Kinderschutzhotline in aktualisierte Auflagen integriert werden (https://www.kinderschutzhotline.de/ unter der bundesweiten Nummer 0800 19 210 00). Zusammenfassend ist das Ansinnen des Autorenteams Strukturhilfe anzubieten sehr zu begrüßen. Denn die Erfahrung zeigt immer wieder, dass kritische Fälle im Ernstfall Mängel in der Dokumentation und systematischen Bewertung aufweisen. Ein strukturiertes Vorgehen kann solchen Mängeln vorbeugen. Und – das Kindeswohl kann nur gemeinsam gesichert werden.

PD Dr. H. Lilly Graß
Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen



Isabel Ruland, Bernd Seidenstücker, Ute Singer-Jähn

Vorlagenmappe Kindeswohlgefährdung.
Direkt einsetzbare Handlungsanweisungen, Checklisten und Formulare zur Gefährdungseinschätzung und -dokumentation nach § 8a SGB VIII.

Merching: Forum Verlag Herkert, Stand Januar 2018, 120 S., DIN A4
Print-Ausg.: 82,11 EUR, Formularsammlung
ISBN 978-3-86586-634-9
(Premium-Ausg. mit Formularen zum direkten Editieren und Ausdrucken: 117,81 EUR)

 

 

 
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