Blickpunkt

Mittwoch, 05.09.2018

Leserforum SPEZIAL

Im Blickpunkt 01/2018 wendet PD Dr. Josef Weigl, Leiter des Gesundheitsamtes Plön, in dem Beitrag „Das Plöner Modell zur Schuleingangsuntersuchung im Lichte moderner Public Health Kriterien" ethische Prinzipien auf seine Erfahrungen mit dem „Plöner Modell“ an. Der Beitrag hat eine rege Debatte ausgelöst. An dieser Stelle finden Sie die im Blickpunkt 3/2018 veröffentlichten Leserbriefe in der ungekürzten Fassung sowie weitere Leserbriefe und Stellungnahmen.

Kommentar/Leserbrief zum Artikel von Josef Weigl: „Das Plöner Modell zur Schuleingangsuntersuchung im Lichte moderner Public Health Kriterien“

 

Das Ziel muss die „Schulärztliche Zuständigkeit PLUS“ sein...

Ich danke dem Kollegen Weigl, dass er das Thema der Ärztlichkeit der Schuleingangsuntersuchung mit einem neuen Fokus fachlich diskutiert. Dennoch stellt sich die Frage, ob das Thema der Ethik an dieser Stelle klug angebracht und ausreichend breit zu Ende gedacht ist.

Die ärztliche Ethik fragt doch vielmehr: „Was ist eigentlich die Kinder- und Jugendärztliche Aufgabe in einer Kommune? Was können und was müssen wir in der Kommune ärztlich leisten, was andere nicht leisten können?“ Und wenn ich den Sinn und die Notwendigkeit der Kinder- und Jugendärztlichen Präsenz in der Kommune begründet habe stellt sich als zweite Frage: wie setze ich meine Ressourcen ärztlich und ökonomisch so ein, dass ich möglichst vielen der mir anvertrauten Bürgerinnen und Bürger gerecht werden kann?“

Die soziale Kinder-, Jugend- und Familiengesundheit in Deutschland befindet sich seit Jahren in einer tiefen Krise. Und im Bereich einer ärztlichen Versorgungskrise greift gemäß ärztlicher Ethik das Prinzip der Triagierung: Vorhandene Ressourcen werden nach Bedarfen und voraussichtlichen Erfolgsaussichten eingesetzt. Menschen, die keine oder nur geringe Hilfe benötigen werden weniger unterstützt als Menschen mit erheblicheren Bedarfen und zugleich guten Erfolgsaussichten.

Weitgehend unbeachtet, hat der Weltärztebund Anfang des Jahres die Hippokratische Eidesformel ergänzt: Wir sind seither nicht mehr „nur“ der Gesundheit sondern auch dem „Wohlbefinden“ (well-being der WHO-Gesundheitsdefinition) verpflichtet. Die Schuleingangsuntersuchung wird niemals alleine dazu in der Lage sein, das Wohlbefinden der uns anvertrauten belasteten Kinder nachhaltig zu verbessern oder sicherzustellen. Diejenigen Kinder mit erhöhten Bedarfen brauchen uns in der ganzen Entwicklungszeit von der Geburt bis zum Abschluss der Adoleszenz. Für viele Kinder ist eine kontinuierliche schulärztliche Betreuung durch „multiprofessionelle runde Tische in der Schule“ (sog. „Schulärztliche Systemsprechstunden“) und durch intensive sozialpädiatrische Übergangsbegleitung in der Bildungsbiografie und gelegentlich durch subsidiäre Gesundheitsversorgung weit wirksamer als eine einmalige Schuleingangsuntersuchung.

Wenn ein Gesundheitsdienst genügend Ressourcen für SEU und regelmäßige bedarfsgerechte Schulsprechstunden für alle Kinder hat: Wunderbar. Fehlen die Ressourcen aber, so muss zwingend triagiert werden. Ein willkürliches Einkürzen bei den ärztlichen Schuleingangsuntersuchungen alleine aus ökonomischen Gründen, ohne ein tragfähiges PLUS für die belasteten Kinder im Angebot zu haben ist dagegen fahrlässig.

Leider bleibt der Artikel von Weigel uns dieses PLUS schuldig. Das Ethik-Prinzip kann zu leicht als ein Sparmodell für die Kämmerei gelesen werden. Die Argumentation, mehr „wertvolle“ Zeit zur Verfügung zu haben und manche Kinder zukünftig eine ganze Stunde bei der SEU zu untersuchen und zu beraten springt bei weitem zu kurz und wird den modernen Anforderungen an den KJGD nicht in Ansätzen gerecht. Die Zukunft ist der Schularzt PLUS = „Pädiatrie in allen Lebensphasen Und Sozialzusammenhängen“. So wird ein Schuh d’raus.


Dr. med. Axel Iseke
Gesundheitsamt Münster

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In einer Stellungnahme zur Umsetzung in der 19. Wahlperiode haben alle pädiatrischen Fachverbände (DAKJ, BVKJ, DGKJ und DGSPJ) folgende Stellungnahme und Forderungen an die Politik gestellt mit dem Ziel gleicher gesundheitlicher Chancen für Kinder und Jugendliche in Deutschland.

Neben den Praxen und Kliniken spielen die hoheitsrechtlichen Aufgaben des kinder- und jugendärztlichen Dienstes im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) eine wesentliche Versorgungsrolle. Die schleichende Auszehrung durch anhaltenden Personalabbau und Unterfinanzierung führen zunehmend dazu, dass grundlegende Aufgaben nicht mehr umgesetzt werden können. Hierzu zählen u.a. Untersuchungen bei der Einschulung, aufsuchende Gesundheitsfürsorge, gesundheitliche Beratung und Betreuung von Kindertageseinrichtungen und Schulen.

Hierzu gehören auch folgende Forderungen:

  •  Eine bessere Ausstattung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes durch verbindliche Vorgaben auch auf Bundesebene.

  • Die Parteien müssen (auch vom Bund aus gesteuerte) Lösungen finden, um den ÖGD als besonders für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche unverzichtbare Säule des Gesundheitssystems nachhaltig zu stärken.

  • Bei der bundesweiten Datenerhebung zur Früherkennung, Prävention und Behandlung von Volkskrankheiten (NAKO Gesundheitsstudie) wird die Chance verpasst, Kinder und Jugendliche gemeinsam mit ihren Müttern und Vätern in die Untersuchungen einzubeziehen, obwohl dies für ein besseres Verständnis der Bedingungen von Gesundheit wie Krankheit unabdingbar ist – das gilt ebenso für den ÖGD.


Die Arbeit der (fach-)ärztlichen Kolleginnen und Kollegen im Öffentlichen Gesundheitsdienst wird von Seiten des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte e.V. sehr wertgeschätzt. Es wurde im BVKJ ein besonderer Fachausschuss „Kind, Schule, ÖGD“ geschaffen, um der Notwendigkeit der pädiatrischen Begleitung im pädagogischen System ab Besuch jedweder Gemeinschaftseinrichtung Nachdruck zu verleihen. Diese Aufgabe erfüllt - in Kenntnis der Bedingungen von Kindertagesstätten und Schulen vor Ort, im Sozialraum, in der Kommune - eine wichtige Funktion in der Begleitung benachteiligter Kinder. Die Vernetzung der Gesundheitsberichterstattung mit der Sozial- und Jugendhilfeplanung, die Bedeutung der Versorgungsplanung für alle Kinder ist dem BVKJ dabei besonders wichtig. Natürlich auch die Überprüfung des Impfstatus und die Aufklärung zu allen Schutzimpfungen vor und bei Besuch einer Gemeinschaftseinrichtung.

Mit großer Anerkennung hat der BVKJ die Bemühungen des Fachausschusses KJGD im BVÖGD und des Fachausschusses „Kind, Schule, ÖGD“ im BVKJ zur bundesweiten Vereinheitlichung und qualitativ hochwertigen Schuleingangsuntersuchung verfolgt. In Abstimmung mit den Kinder- und Jugendärzten in Deutschland sollte die Untersuchung nicht gleichzeitig zu den Früherkennungsuntersuchungen stattfinden, sondern zeitlich versetzt zwischen U9 und U10, also in direktem Zusammenhang mit dem Schulbeginn.

In einem schon vor vielen Jahren entwickelten Konsenspapier zur Zusammenarbeit der Kinder- und Jugendärzte in Klinik, Praxis, SPZ und öffentlichem Gesundheitsdienst wurde der wertschätzenden Arbeit in dem jeweilig originären Aufgabenfeld mit dem gemeinsamen Ziel einer guten gesundheitlichen Versorgung aller Kinder und Jugendlichen Rechnung getragen. Aus Sicht des BVKJ muss jede kinder- und jugendärztliche Untersuchung der völlig unstrittigen Einheit von körperlicher und psychischer Gesundheit, einschließlich Entwicklung - und somit der ganzheitlichen Sichtweise - gerecht werden. Der prioritäre Ansatz der schulärztlichen Untersuchung liegt also in der Erfassung und Beurteilung der kindlichen Gesundheits- und Entwicklungsrisiken, die den Schulalltag beeinflussen könnten und insbesondere eine Beratung von Eltern und Schule erfordern.

Im gesamten Gesundheitssystem werden unter Vorsorge- und Gesundheitsförderungsaspekten auch gesunde Menschen ärztlich untersucht. Diese originär ärztlichen Aufgaben sind nicht delegierbar. Bei der Neufassung des gelben Heftes wurde unter Datenschutzaspekten besonderer Wert auf die ausschließliche Befundmitteilung an (fach-)ärztliche Kolleginnen und Kollegen vorgesehen. Bei Vorlage an nichtärztliches Personal ist lediglich der Nachweis der Teilnahme vorgesehen. Inhalte mit gesundheitlicher Relevanz sind so nicht transparent.

Bitte gefährden Sie nicht leichtfertig den Erfolg, den der Kinder- und Jugendgesundheitsdienst im ÖGD in den letzten Jahren – auch mit Unterstützung des BVKJ erreicht hat.

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