Blickpunkt

Mittwoch, 01.08.2018

Untersuchung neu zugewanderter Kinder und Jugendlicher

In NRW sind die Seiteneinsteigendenuntersuchungen den Schuleingangsuntersuchunge gleichgestellt. Der Gesundheitszustand, eventuelle Versorgungslücken und mögliche Förderbedarfe sollen ermittelt werden.

Die schulärztliche Untersuchung aller „Schulneulinge“, den sogenannten Seiteneinsteigenden (SE), ist in Nordrhein-Westfalen ein Bestandteil der Schulgesundheitspflege (SchulG NRW (§54), ÖGDG (§12)). Sie ist bei allen zugewanderten schulpflichtigen Kindern und Jugendlichen vor Schuleintritt oder zeitnah zu diesem durchzufuhren.


Bei steigender Zuwanderung hat sich der Untersuchungs- und Beratungsbedarf für die Kinder- und Jugendgesundheitsdienste (KJGD) deutlich erhöht und qualitativ verändert. Zur Vereinheitlichung der Seiteneinsteigendenuntersuchungen (SU) wurde 2016 eine Handreichung erstellt.

ERGEBNISSE DER UNTERSUCHUNGEN IN DER STÄDTEREGION AACHEN

Bei der SU sind eine gute Kommunikation, die Klärung der Lebensumstände, bisherige Beschulung, Umstände der Einreise, Belastungen durch Flucht sowie Sprach- und Kulturbarrieren zu beachten.

Zu dokumentieren sind Größe, Gewicht und Allgemeinzustand, orientierende körperliche (ggf. zahnärztliche) Untersuchung, Abklärung schulrelevanter Erkrankungen, Ergebnis von Seh- und Hörtest, Entwicklungsstand (z.B. sprachfreie Untertests des SOPESS, Kugler–, Matrizen-, Mottier–Test), orientierende Beurteilung der seelischen Gesundheit, Impfstatus. Für alle wird ein schulärztliches Gutachten erstellt und der Schulleitung übermittelt, die Sorgeberechtigten
erhalten eine Kopie.

Die Grafik finden Sie hier.

Unsere Auswertung von 556 SU Datensätzen aus der StädteRegion Aachen des Schuljahres 2016/17 ergab: 37,8% Mädchen und 62,2% Jungen, von 5-19 Jahren (M = 10J.) mit 64 Nationalitäten (Syrien 37,6%, Afghanistan 12,3%, Irak 8,2%). 33% der Schüler waren weniger als drei Monate in Deutschland, 10% mehr als ein Jahr. 40% besuchten noch keine Schule, 10% waren schon mehr als 3 Monate in einer Schule. 12% waren unbegleitete Kinder.

Herkunftssprachliche Anamnesen wurden nur rudimentär oder gar nicht ausgefüllt, bei Nachfrage wurde mit „alles in Ordnung“ geantwortet. Die SE zeigten Überforderung und Frustration bei Testungen der (visuellen) Wahrnehmung und waren überfordert bei Testungen der Visio-/Feinmotorik (CPM, SPM) (KUGLER).

Problemlos konnten Hör-und Sehvermögen, auditive Wahrnehmung (Mottier-Test), Testung von Grobmotorik und Körperkoordination, körperliche Untersuchungen und Beratungen durchgeführt werden.

Beratungen zu Gesundheitssystem, Impfungen, Sport und Ernährung nahmen viel Zeit in Anspruch. Zum Beispiel wurde fachärztliche Kontrolle eines auffälligen Hör-/ Sehtests oder Notwendigkeit eines Zahnarztbesuches erst nach einer Beratung akzeptiert.

Eine Auswertung der Tests ergab eine sehr große Varianz bei allen Ergebnissen (siehe Tabelle). Als „Schlüssel“ zur Integration wurde der deutschen Sprache besondere Aufmerksamkeit gewidmet: Die Aufenthaltsdauer in Deutschland resp. die Dauer des Schulbesuches in Deutschland versus Deutschkenntnisse waren die einzigen Parameter mit sichtbarem Zusammenhang.

KONSEQUENZEN AUS DEN ERFAHRUNGEN DER SEITENEINSTEIGENDENUNTERSUCHUNGEN

Testungen zur Entwicklung (Kugler, CPM, SPM) frustrierte einen Großteil der SE und beinhalteten für Schulen keine umsetzbare Information. Dagegen benötigen wichtige Beratung und ausgedehnte Testungen mit Sprachbarrieren viel Zeit, daher wurde ein zweizeitiges Vorgehen für SU zum Schuljahr 2017/2018 entwickelt:

Bei der Erstvorstellung werden alle SE von einem speziellen Team (Ärztin und MFA) untersucht und die Ergebnisse (Köpergröße,- gewicht, Hör- & Sehtest, orientierende körperliche Untersuchung incl. Zahnstatus, ausführliche Anamnese) dokumentiert. Es folgt eine Beratung zu Gesundheitssystem, Gesundheitsverständnis und fachärztlicher Anbindung. Bei auffälligem Befund erfolgt Planung der Wiedervorstellung (WV).

Die Zweitvorstellung wird nach folgendem Schema geplant:

Hören / Sehen / körperliche Untersuchung auffällig: WV nach 6 Monaten
→ Anamnese / Befundkontrolle / Hilfsmittelversorgung?

Schüler / Anamnese auffällig bei Erstuntersuchung: WV nach 12 Monaten
→ erneute Anamnese; Versorgung? Anbindung? Beratung
→ AO-SF Diagnostik bei Bedarf

Bei Meldung durch Schule / Kommunales Integrationszentrum: nach Bedarf
→ erneute Anamnese; Versorgung? Anbindung? Beratung.
→ AO-SF Diagnostik

Die Qualität der Untersuchung ist durch diese Vorgehensweise erhalten: Die Erstvorstellung ist als individualmedizinische Maßnahme eine ärztliche Querschnittsuntersuchung mit Fokus auf Erkennen objektiver Einschränkungen. Dabei werden alle SE ärztlich untersucht und alle Familien erhalten Informationen, Aufklarung und Beratung.

Die Zweitvorstellung verfolgt das Ziel der sozialkompensatorischen, sozialmedizinischen und individualmedizinischen Betreuung durch erneute oder ausführliche Testung, problemzentrierte Beratung, auch der Schule, sowie eine problemzentrierte Anbindung.

Gesteigert wird die Effizienz der SU durch die höhere Anzahl von SE und deren Familien im verkürzten Erstkontakt und damit eine höhere Rate an Informationsweitergabe. Es folgt dann ein problemzentriertes, bedarfsadaptiertes Vorgehen.

Unser Fazit: Die Beurteilung von Entwicklungsstand und Psychopathologie bei SE mit unterschiedlichen Flucht-, Vor- und Bildungsgeschichten ist schwierig und zeitaufwendig. Als Konsequenz wurde ein zweizeitiges bedarfsorientiertes Vorgehen entwickelt. Die zweizeitige SU bietet eine hohe Qualität, Ressourcen werden effizient genutzt. Sie stimmt mit den Anforderungen des SchulG NRW überein und leistet einen wichtigen Beitrag zu den Rechten des Kindes auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit, dem Recht auf Inanspruchnahme von Einrichtungen zur Behandlung von Krankheiten und zur Wiederherstellung der Gesundheit (Art. 24 UN-Kinderrechtskonvention) als Voraussetzung des Rechts auf Bildung, Schule und Berufsausbildung (Art. 28 UN- Kinderrechtskonvention).

Diese Rechte des Kindes können nur mit umfassender Information umgesetzt werden.


Dr. Kirsten Kubini
StädteRegion Aachen
Gesundheitsamt - Kinder- und Jugendärztlicher Dienst, Prävention



 
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