Blickpunkt

Freitag, 01.06.2018

Nachwuchs im ÖGD

Perspektiven des medizinischen Nachwuchses auf den ÖGD

 

 

Der ÖGD ist von zentraler Bedeutung für den Schutz und die Förderung der Gesundheit der Bevölkerung – trotzdem ist er unter Medizinstudierenden kaum bekannt und gilt als wenig attraktiv. Reformen des Medizinstudiums, der Weiterbildung und der Forschungslandschaft sind nötig.

Für viele Medizinstudierende ist der Wunsch, durch Krankheit und vorzeitigen Tod verursachtes menschliches Leid zu lindern und zu verhindern, eine zentrale Motivation für ihr Studium und ihre Berufswahl. Tatsächlich haben Maßnahmen der Öffentlichen Gesundheit in der Vergangenheit mehr zur Förderung von Gesundheit und der Steigerung der Lebenserwartung beigetragen als die klinisch-kurative Medizin. Und auch heute bietet die Öffentliche Gesundheit weiterhin großes Potential, krankheitsbedingtes Leid zu vermindern, gesundheitliche Ungleichheiten abzubauen, Gesundheitskosten zu verringern und gesundheitsbezogene Lebensqualität zu fördern – so etwa im Bereich der Prävention nichtübertragbarer Krankheiten. Doch trotz dieser Bedeutung der Öffentlichen Gesundheit sind viele Medizinstudierende kaum mit diesem Fach vertraut und nur wenige AbsolventInnen ziehen eine Tätigkeit im ÖGD in Betracht. Um hier Abhilfe zu schaffen sind Reformen nötig, die im Folgenden aus der Perspektive von Studierenden und AbsolventInnen der Medizin dargestellt werden sollen.

Das Querschnittsfach „Gesundheitsökonomie, Gesundheitssystem und Öffentliches Gesundheitswesen“ ist zwar seit 2002 von der ärztlichen Approbationsordnung als Pflichtfach im Medizinstudium vorgeschrieben, doch wird es nicht an allen Fakultäten gleichermaßen mit Leben gefüllt. Auch spielt der ÖGD als Lehrinhalt, ebenso wie die Öffentliche Gesundheit insgesamt, hierbei oft nur eine untergeordnete Rolle. Ein Hauptgrund hierfür ist die mangelnde Verankerung der Öffentlichen Gesundheit, und speziell des ÖGD, an den medizinischen Fakultäten in Deutschland. Die Schaffung weiterer Lehrstühle und Institute für Öffentliche Gesundheit ist daher dringend nötig. Brückenprofessuren, die zwischen Wissenschaft und Praxis der Öffentlichen Gesundheit angesiedelt sind, bieten in dieser Hinsicht besonders großes Potential.

Problematisch ist auch, dass Famulaturen und Abschnitte des Praktischen Jahres nur in manchen Bundesländern in Gesundheitsämtern abgeleistet werden können, da diese nicht flächendeckend von den Landesprüfungsämtern anerkannt werden. Famulaturen und das Praktische Jahr sind für Medizinstudierende wichtige Gelegenheiten, potenzielle Berufsfelder kennen zu lernen, und daher für den ÖGD eine gute Möglichkeit, interessierte und engagierte Nachwuchskräfte zu gewinnen. Das Beispiel des Gesundheitsamtes in Frankfurt a. M. zeigt, wie Studierende durch praktische Einblicke in die Tätigkeit des ÖGD begeistert werden können – dies könnte Vorbild für weitere Gesundheitsämter sein.

Ein weiteres Handlungsfeld zur Stärkung der Rolle des ÖGD im Medizinstudium ist das schriftliche Staatsexamen, dessen Fragen jedes Semester vom Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) deutschlandweit zentral festgelegt werden. Die Inhalte des Staatsexamens haben großen Einfluss auf Schwerpunktsetzungen in der Lehre der Fakultäten und in den Lerninhalten von Studierenden. Bislang wurden in den Staatsexamina nur wenige Fragen zu Themen der Öffentlichen Gesundheit und des ÖGD gestellt. Daher sollten sich PraktikerInnen aus dem ÖGD stärker als bislang als Sachverständige in die entsprechenden Arbeitsgruppen des IMPP einbringen.

Für viele Medizinstudierende ist die Doktorarbeit richtungsweisend für ihre weitere berufliche und fachliche Laufbahn. Einzelne Gesundheitsämter bemühen sich bereits, teils in Zusammenarbeit mit Forschenden an Universitäten, Doktorarbeiten mit Bezug zum ÖGD zu ermöglichen. Auch dies ist ein vielversprechender Ansatz, der weiterverfolgt und ausgeweitet werden sollte.

Auch die Weiterbildung zum Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen sollte für den Nachwuchs attraktiver gestaltet werden. Viele Studierende und AbsolventInnen der Medizin sind sehr an internationalem Austausch, und an den grenzüberschreitenden Aspekten Öffentlicher Gesundheit interessiert. Deshalb sollten mehr Möglichkeiten geschaffen werden, während der Weiterbildungszeit und auch darüber hinaus Praxis- und Forschungsaufenthalte bei internationalen Organisationen wie der Weltgesundheitsorganisation oder dem European Centre for Disease Control and Prevention (ECDC) zu absolvieren, ebenso wie bei Gesundheitsbehörden anderer Länder.

Ähnliches gilt für die Verbindung von Forschung und Praxis: Masterstudiengänge in Öffentlicher Gesundheit lassen sich bereits jetzt anteilig auf die Facharztweiterbildung anrechnen, doch sind die entsprechenden Anerkennungs- und Fördermöglichkeiten noch ausbaufähig. Für wissenschaftlich besonders interessierte Nachwuchskräfte sollten zudem PhD/Facharzt-Programme geschaffen werden, welche das Anfertigen einer wissenschaftlichen Doktorarbeit nach internationalen Standards mit einer Facharztweiterbildung in strukturierter Form verbinden.

Öffentliche Gesundheit ist ein sehr wichtiges und spannendes Arbeitsfeld – nicht nur, aber auch für Ärztinnen und Ärzte. Um den Herausforderungen Öffentlicher Gesundheit gerecht zu werden, benötigt der ÖGD daher neben anderen Berufsgruppen auch engagierten medizinischen Nachwuchs. Die genannten Maßnahmen können dazu beitragen, medizinische Nachwuchskräfte auf eine Arbeit im ÖGD vorzubereiten und für Themen Öffentlicher Gesundheit zu gewinnen.

Peter von Philipsborn, Karin Geffert, Franziska Hommes, Simon Drees, Juliane Springer, Jan Stratil
Der vorliegende Artikel ist eine Kurzfassung des Artikels »Öffentlicher Gesundheitsdienst: Weg von alten Klischees«, der am 23.02.2018 im Deutschen Ärzteblatt erschienen ist.
Die Langfassung kann unter dem folgenden Link eingesehen werden: bit.ly/2KaQCG2




 
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