Blickpunkt

Freitag, 01.06.2018

Eine Erfolgsgeschichte

10 Jahre vernetzte Zoonosenforschung in Deutschland


Zoonosen stellen eine große Herausforderung für Wissenschaft und Öffentlichen Gesundheitsdienst dar. Die Kooperation zwischen Human-, Tier- und Umweltmedizin bei Erforschung, Bekämpfung und Heilung ist dabei unerlässlich.

Zoonosen sind Infektionskrankheiten, die wechselseitig zwischen Mensch und Tier übertragen und durch Viren, Bakterien, Parasiten, Prionen oder andere Erreger ausgelöst werden können. Es sind über 200 Krankheiten bekannt, die zu den Zoonosen gezählt werden [Bauerfeind et al 2013].
Dazu gehören die ältesten bekannten Infektionskrankheiten wie Tollwut, Pest, Tuberkulose und Influenza sowie zahlreiche Lebensmittel-assoziierte Infektionen ausgelöst zum Beispiel durch Salmonellen und Campylobacter, aber auch neu auftretende Erkrankungen (sog. „Emerging Diseases“ wie Ebola, SARS (Severe Acute Respiratory Syndrome), MERS (Middle East Respiratory Syndrome) oder BSE (Bovine Spongiforme Enzephalopathie)) und verschiedene antibiotikaresistente Erreger. Abweichend von der WHO-Definition von 1958 werden heute auch Krankheiten zu den Zoonosen gezählt, die von belebten Vektoren (Stechmücken, Zecken etc.) übertragen werden. Ihre Bedeutung steigt zunehmend, da sich durch das global veränderte Reiseverhalten, durch Gütertransporte und Veränderungen der Lebensmittelproduktion Erreger und ihre tierischen Überträger schneller ausbreiten können. Zudem schafft der Klimawandel Voraussetzungen für die Ausbreitung nicht einheimischer Vektoren, die vormals „exotische“ Erreger mitbringen und auf eine Bevölkerung übertragen können, die gegen diese keinen Immunschutz aufweist. So werden beispielsweise zunehmend Stechmückenarten in Mitteleuropa nachgewiesen, die bislang nur im mediterranen und subtropischen Raum beheimatet waren und die z. B. als Überträger für zoonotische Flaviviren (u. a. West-Nil-Fieber-Viren) fungieren können [Schaffner et al. 2013].

Zoonosen stellen für die Wissenschaft genauso wie für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) eine große Herausforderung dar, da neben dem Erreger selbst auch bei Mensch und Tier die Pathogenese, die Epidemiologie und die Erreger-Wirts-Interaktion untersucht und auch die Bedingungen für den Spezieswechsel verstanden werden müssen. Dies impliziert ein besseres Verständnis der Biologie der Wirts-/Vektorspezies selbst und der beeinflussenden ökologischen Bedingungen. Die Erforschung von Zoonosen in den Kooperationen von Human-, Tier- und Umweltmedizin, über Fach- und Organisationsgrenzen hinweg, ist daher essentiell für deren Prävention, Erkennung und Heilung sowie für den Umgang mit Zoonosen im ÖGD. Daher müssen bei Forschungsvorhaben Mensch, Tier und Ökosysteme in einem ganzheitlichen Ansatz zur Erhaltung der Gesundheit adressiert werden – ganz im Sinne des sogenannten One Health-Gedankens [Zinsstag et al. 2011; Niedrig et al. 2017].

Förderung der Zoonosenforschung

Grundlage für eine strukturierte Förderung für die Forschung zu Zoonosen war die ressortübergreifende gemeinsame Vereinbarung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG) und des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV; heute BMEL), welche 2006 die vernetzte Forschung an zoonotischen Infektionskrankheiten in den Fokus rückte. Begonnen mit dem Forschungs-Sofortprogramm Influenza als Reaktion auf den damaligen Ausbruch der hochpathogenen aviären Influenza (Geflügelpest) vom Subtyp H5N1, die 1997 als Zoonose erkannt wurde, wurden in den letzten zehn Jahren insgesamt elf Zoonosenforschungsverbünde zu Themen wie Influenza, Antibiotikaresistenzen oder Lebensmittel-assoziierte Zoonosen mit insgesamt 60 Millionen Euro gefördert (http://www.gesundheitsforschung-bmbf.de/de/1952.php und www.zoonosen.net). 2009 begann zudem die Förderung der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen (kurz Zoonosenplattform), die bis heute als Dachorganisation für die vernetzte Zoonosenforschung in Deutschland fungiert und durch eine Geschäftsstelle mit drei Standorten in Münster (Standortleiter: Stephan Ludwig), Riems (Standortleiter: Martin Groschup) und Berlin (Standortleiter: Sebastian C. Semler) koordiniert wird. Dieses Standortkonzept gewährleistet die umfassende Vertretung der verschiedenen Bereiche und Institutionen, wie Human- und Veterinärmedizin, sowie Forschung an Universitäten und Bundesoberbehörden. Mittlerweile (Stand: Dezember 2017) vereint die Zoonosenplattform mehr als 800 Mitglieder verschiedenster Fachdisziplinen unter ihrem Dach und wird international als eines der fünf wichtigsten „One Health“-Netzwerke in Europa angesehen [Sikkema et al. 2017].

Dank der vernetzten Zoonosenforschung in Deutschland wurden bis dahin im Forschungsfeld bestehende Distanzen zwischen Veterinär- und Humanmedizin sowie zwischen universitärer Forschung, Ressortforschung und dem Öffentlichen Gesundheitsdienst überwunden. Zudem zeigte sich eine sehr erfreuliche Integration und Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses, der schon heute die gemeinsame Bearbeitung von Problemen innerhalb der Zoonosenforschung lebt. Es bildete sich EINE „Forschungscommunity“ mit eigenem Selbstverständnis, die es möglich macht, Verbreitungswege und Übertragungsmechanismen von Erregern genauer zu entschlüsseln und Bekämpfungsstrategien und Vorbeugemaßnahmen zum Wohle der Bevölkerung zu entwickeln bzw. zu verbessern. Als besondere Beispiele des Erfolgs sind hier die IT-gestützte Aufklärung der EHEC-Epidemie im Jahr 2011, die Entwicklung eines neuen innovativen Grippemedikaments, das sich gerade in der klinischen Testphase befindet (https://www.clinicaltrialsregister.eu/ctr-search/trial/2012-004072-19/results) oder die Erarbeitung von Infektions-Präventionsmaßnahmen für die Übertragung von Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus (MRSA)-Bakterien zu nennen.

Einbezug von ÖGD und Veterinärwesen

Seit 2014 sind zunehmend auch das Öffentliche Gesundheits- und das Veterinärwesen eingebunden. Auf gemeinsamen Veranstaltungen zu Themen wie lebensmittelbedingten Zoonosen, Antibiotikaresistenzen, Tuberkulose, Influenza oder Zecken-übertragenen Erkrankungen, werden konkrete Herausforderungen diskutiert und die Umsetzung neuester Forschungsergebnisse in praktisches Handeln (z. B. durch die zuständigen Gesundheits- und Veterinärämter u. a.) gefördert. Gleichzeitig können dort wichtige Anregungen aus Gesundheitsämtern und Landesstellen an die Forschenden weitergegeben werden. Die Veranstaltungen werden gemeinsam von der Zoonosenplattform und der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf organisiert und finanziell getragen. So ist es möglich, den gemeinsamen Austausch auf Augenhöhe, interdisziplinär und unter Einbeziehung aller Beteiligten – klinisch tätige Ärzte und Tierärzte, Verantwortliche im ÖGD, Hygieniker, Landwirte, Epidemiologen und andere – zu fördern und passende Lösungsansätze zu erarbeiten.

Gemeinsam im Sinne des „One Health“-Gedankens zusammenzuarbeiten, ist angesichts der ständig zunehmenden Mobilität von Menschen, Tieren und Lebensmitteln, von sich stetig ändernden Strukturen, von Globalisierung und Klimawandel heute wichtiger denn je. Hierfür bietet das Nationale Symposium für Zoonosenforschung, das seit 2009 jährlich in Berlin von der Zoonosenplattform organisiert wird, ein Forum mit mittlerweile internationaler Strahlkraft und Beteiligung [Jansen et al. 2016].

Der Grundstein ist gelegt

Aufgrund ungebrochener Relevanz wurde im Jahr 2016 durch die ursprünglich beteiligten Ministerien BMBF, BMG und BMEL die Forschungsvereinbarung zu Zoonosen erneuert [https://www.bundesgesundheitsministerium.de/ministerium/meldungen/2016/160129-forschungsvereinbarung-zoonosen.html] und um das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) als beteiligtem Partner erweitert. Konkretisiert wurden die in der Forschungsvereinbarung genannten Maßnahmen durch eine Förderbekanntmachung des BMBF [https://www.bmbf.de/foerderungen/bekanntmachung-1144.html] mit einem Finanzvolumen von 40 Millionen Euro für zunächst weitere fünf Jahre zur Unterstützung von Zoonosenforschungsprojekten mit Beteiligung des Öffentlichen Gesundheitsdienstes in Deutschland. In diesem Rahmen werden derzeit sieben Forschungsverbünde und sechs Nachwuchsgruppen in einem neuen Forschungsnetz Zoonotische Infektionskrankheiten (Sprecher: Christian Drosten, Berlin) unter dem Dach der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen gefördert. Das Forschungsnetz wird die Zusammenarbeit der Wissenschaft mit dem ÖGD durch gezielte Kooperationen im Rahmen sogenannter ÖGD-Projekte intensivieren.

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