Blickpunkt

Donnerstag, 01.03.2018

KINDER- UND JUGENDGESUNDHEIT

Ethik in Action

Josef Weigl vergleicht in dieser Ausgabe des Blickpunkt Öffentliche Gesundheit verschiedene Verfahrensweisen zu Schuleingangsuntersuchungen nach ethischen Prinzipien. Dabei ist das „Plöner Modell zur Schuleingangsuntersuchung“ anderen vorzuziehen.

 

 



Fakten allein machen keine Politik. In der Bioethik lehren wir unseren Studierenden sehr früh, dass Daten allein für gute naturalistische Fehlschlüsse sorgen, aber eben nicht für Handlungsbegründungen. Nichts folgt aus Daten allein darüber, was wir tun oder lassen sollten. Dafür bedarf es immer auch einer normativen Begründung. Weigl gebührt Kredit und Dank dafür, dass er versucht, genau solch eine Begründung zu entwickeln!

Er hat recht, Public Health Ethik offeriert tatsächlich normative-analytische Instrumente, um Fragen darüber, welche Schuleingangsuntersuchungsmethode am besten ist, zu entscheiden. Nur mit Hilfe solcher Instrumente können wir Sinn machen aus den Daten, die uns vorliegen. Natürlich ist dies keine tiefgreifende philosophisch-ethische Analyse, aber vielleicht ist eine solche auch nicht notwendig. Die Ethikkriterien, die uns hier angeboten werden, sind eine Kombination aus nordamerikanischen Prinzipien, das so genannte Georgetown Mantra (autonomy, beneficence, non-maleficence, justice). So genannt, weil es von Kollegen an der Georgetown Universität in Washington DC entwickelt wurde. Das Mantra wird von BioethikerInnen häufig kritisiert, weil die Kriterien nicht das leisten, was Ethik schaffen muss: sie müssen uns klar sagen was wir tun sollen (action guidance), und sie müssen uns dafür ethische Gründe liefern (action justification). Prinzipienethik kann das natürlich nicht so direkt leisten. Sie sagt uns z.B., dass Autonomie wichtig ist und auch das Benefizenz wichtig ist etc. Es ist aber oft unmöglich, gleichzeitig Autonomie zu respektieren und Patienteninteressen durch Benefizenz zu maximieren, eben weil wir dauernd Entscheidungen treffen, die unseren besten Interessen zuwiderlaufen (siehe unserer Spezies irrationale Reaktion auf den Klimawandel).

In Weigls Fall ist Autonomie irrelevant, weil Kinder dieses Alters keine dispositionally Ausstattung für Handlungsautonomie haben. Weigl hat dem Mantra als gleichwertig noch Gesundheitsmaximierung, Effizienz und Verhältnismäßigkeit dazugestellt. Das erfreut mich, bin ich als Konsequentialist doch ein Gesundheitsmaximierer, jedenfalls soweit es nicht autonome Menschen betrifft. Weigls Kriterien reflektieren sicherlich unseren Meinungs- und Wertepluralismus, sie sind aber letztlich nur bedingt geeignet für direkte action guidance und action justification. Aber, was sehr wichtig ist, immerhin hilft uns diese Art der Vorgehensweise, fundamentale gesellschaftliche Werte im Auge zu behalten und bewusst über sie nachzudenken, z.B. wenn wir darüber streiten, welche Schuleingangsuntersuchungsmethode „die Beste“ ist. Durch die Diskussion dieser Normen und Werte im Kontext einer konkreten Intervention kann man zu umfassenderen und besser begründeten Urteilen kommen, die man in der Berufspraxis mit anderen Entscheidungsträgern teilen kann.

Udo Schuklenk
Prof. Udo Schuklenk
Ontario Forschungsprofessor in Bioethik und Public Policy an der Queen’s University in Kanada

 

 

 
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