Blickpunkt

Nach der Feuertragödie – wie geht es weiter im Hamburger Zuführdienst?

Ein psychisch kranker 28-jähriger Mann setzte bei einer geplanten Zwangseinweisung zwei Mitarbeiter des Bezirksamts Altona, seinen Betreuer und sich selbst in Brand. Ein Mitarbeiter des sogenannten Zentralen Zuführungsdienstes der Freien und Hansestadt Hamburg starb, sein 59 Jahre alter Kollege und der Täter schwebten in Lebensgefahr. Aus der schockierenden Tragödie in Hamburg müssen Lehren für den Umgang mit Risiko im ÖGD gezogen werden.

 

 

Alle, die regelmäßig zur Arbeit gehen, kennen es. Wir begrüßen morgens unsere Kolleginnen und Kollegen, trinken gemeinsam einen Kaffee, sprechen den ganzen Tag miteinander und verabschieden uns abends. Immer in der Gewissheit, dass wir uns morgen wiedersehen. Wir kennen auch, dass jemand erkrankt und erst nach längerer Zeit wiederkommt oder in Rente geht und aus dem Arbeitsleben ausscheidet.

Was wir nur schwer ertragen können ist, wenn jemand plötzlich nicht mehr täglich an seinem Arbeitsplatz anzutreffen ist. Noch unvorstellbarer ist, wenn jemand nicht mehr zur Arbeit erscheint, weil ihm während der Arbeit etwas passiert ist. Wenn eine Kollegin oder ein Kollege plötzlich nicht mehr da ist, weil sie/er Opfer einer Gewalttat während der Arbeit geworden ist, übersteigt das erst einmal unser Vorstellungsvermögen.

 

DIE ARBEIT MIT PSYCHISCH KRANKEN MENSCHEN

In allen Kommunen in Deutschland gibt es Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich beruflich um die Gesundheit anderer Menschen kümmern. Ein Teil davon ist spezialisiert auf Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen. In den Amtsstuben des Sozialpsychiatrischen Dienstes (SpDi) geht es in der Regel menschlich zu: „Kommen, kümmern und klären“, heißt in vielen Gemeinden das Motto des SpDi. Im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) gehen wir davon aus, dass wir die Menschen, die Hilfe und Unterstützung benötigen, begleiten, um ihr Leben zu verbessern. Dazu sind die Tage im Amt meist strukturiert. Wir gehen davon aus, dass das, was wir morgens geplant haben, bis abends erledigt ist, und dass wir am nächsten Tag wieder der gleichen Tätigkeit nachgehen können. An manchen Tagen passiert Unvorhergesehenes. Immer häufiger kommt Neues hinzu. Meistens kann das im Team der Kolleginnen und Kollegen geklärt werden, aber immer öfter benötigen wir zum Beispiel die Polizei zur Klärung.

Aber generell gehen wir bis heute in unseren Teams davon aus, dass wir zusammen arbeiten, um gemeinsam Menschen zu begleiten und genauso unserer alltäglichen Arbeit nachgehen können, wie es von uns erwartet wird. So läuft das Leben in deutschen Amtsstuben in der Regel. Mit Bedacht geplant und regelmäßig.

 

HAMBURGER BESONDERHEIT: ZENTRALER ZUFÜHRDIENST

Der Zentrale Zuführungsdienst ist eine beim Bezirksamt Altona angegliederte Einrichtung, die für ganz Hamburg zuständig ist. Nach dem Hamburgischen Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen bei psychischen Krankheiten (HmbPsychKG) führen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zentralen Zuführdienstes zwangsweise Unterbringungen von psychisch kranken, verwahrlosten oder hilflosen Personen in eine geschlossene Abteilung eines Krankenhauses oder einer anderen geeigneten Einrichtung durch. Der Zuführdienst kann Fahndungsmaßnahmen nach entwichenen psychisch Kranken einleiten und durchführen, unter Zuhilfenahme der Fahndungsmittel der Polizei und im Zusammenwirken mit der Polizei eine Rückführung in Unterbringungsanstalten umsetzen sowie Kranke in Verwahrung nehmen und vorführen.

Neben seinen Aufgaben im Rahmen des HamPsychKG führt der Zuführdienst Vollstreckungsaufträge gegenüber Personen durch, die krank, krankheits- oder ansteckungsverdächtig im Sinne des Infektionsschutzgesetzes sind und kann diese einer Krankenanstalt oder entsprechenden Einrichtungen zuführen. Er kann auch Maßnahmen zur Beseitigung von Zuständen, die die öffentliche Hygiene, Sicherheit und Ordnung stören, durchführen (eventuell unter Einsatz von körperlicher Gewalt). Der Zuführdienst kann Hilfspersonen wie Polizei, Feuerwehr und Schlosser hinzu ziehen, um Maßnahmen zur Gefahrenabwehr zu treffen – nicht nur gegenüber den Betroffenen selbst, sondern auch gegenüber Dritten.

In anderen Bundesländern werden Zwangseinweisungen von psychisch Kranken meist durch ärztliche Mitarbeitende gemeinsam mit Polizei und Feuerwehr umgesetzt. In diesem Sinne bestimmt auch Paragraph 14 Absatz 4 des HmbPsychKG, dass die Beförderung der unterzubringenden Person unter Betreuung von zwei im Umgang mit psychisch Kranken erfahrenen Begleitern zu erfolgen hat. Mit dieser Festlegung hat der Gesetzgeber in der Freien und Hansestadt Hamburg berücksichtigt, dass die Aufgaben des Zuführdienstes überwiegend außerhalb des Kernbereichs polizeilicher Aufgaben liegen. Das Ansinnen dahinter ist, dass die Realisierung einer möglichst konfliktfreien Zuführung von psychisch Kranken spezielle Kenntnisse erfordert. Diese notwendigen Kenntnisse und Kompetenzen für den Umgang mit Personen in konfliktbelasteten Situationen gehen über die im Rahmen der Ausbildung von Polizeivollzugsbeamten vermittelten hinaus. In Hamburg ist der Gesetzgeber darüber hinaus auch der Meinung, es sei für psychisch Kranke wesentlich angenehmer von speziell geschulten Beamten in Zivil abgeholt zu werden, auch um eine Stigmatisierung durch die „Blaulichtfraktion“ zu vermeiden.

Wenn die speziell ausgebildeten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zuführdienstes davon ausgehen, dass Patienten gefährlich werden könnten, sichern sie sich durch Unterstützung mit Polizisten ab. Bei akuten Gefährdungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zuführdienstes wird die Polizei dann im Rahmen der Gefahrenabwehr auf Grundlage des Gesetzes zum Schutz der öffentlichen Sicherheit und Ordnung oder der Strafprozessordnung tätig. 

Insgesamt arbeiten im Zuführdienst für ganz Hamburg über 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (in Vollzeitäquivalent). In den vergangenen Jahren wurden nach Angaben des Bezirksamts Altona zwischen 3.899 (2016), 4.368 (2017) und 4.518 (2018) Einweisungsverfügungen erlassen. Das sind in der Regel mehr als zehn Einsätze pro Tag, fast immer „auf Zuruf“ von ärztlich Tätigen oder Gerichten. In den meisten Fällen laufen die Einsätze des Zuführdienstes für alle Beteiligten unproblematisch ab. Und bei rund 95 Prozent der Vorfälle von Entgleisungen gegenüber Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Zuführdienstes handelt es sich um verbale Beleidigungen oder leichte Schubsereien. In wenigen Fällen kommt es zu Handgreiflichkeiten, die mit nachgehender Zwangsmitteleinsetzung (z.B. Handfesseln, Spuckhauben) kontrolliert werden.

Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Zuführdienstes verfügen sowohl über Ausbildungsvoraussetzungen im Bereich der Polizeivollzugsdienste als auch der gesundheitlichen Versorgung. Zusätzlich erfolgen halbjährliche Schulungen im polizeilichen Einsatztraining im Rahmen des Umgangs mit Gefahrensituationen.

 

DER 24. SEPTEMBER 2018 IN HAMBURG

Manchmal passieren Ereignisse, die wir nicht vorausgesehen haben. Sie können gut enden, aber manchmal enden sie tragisch. Einen solchen unerwarteten und tragischen Tag haben wir am 24. September 2018 in Hamburg erlebt. Unvorhergesehen und unerwartet, ein alles überschattendes Ereignis, das uns allesamt bestürzt hat. Danach ist kein Tag wie vorher. Das tragische Ereignis hat Narben hinterlassen, die alle fühlen. Und trotzdem kehrt nach einigen Monaten auch wieder so etwas wie eine Normalität zurück. Aber es ist eine andere Normalität als die normale Normalität, die wir vorher gekannt haben. Genau das ist in Hamburg Altona passiert.

Der Klient, ein schwer psychisch kranker junger Mann. Der 28-Jährige war bereits im Jahr 2014 unter gerichtliche Betreuung gestellt worden und den Behörden bekannt. Er war damals freiwillig in einer psychiatrischen Klinik in Behandlung und lebte anschließend in einer betreuten Einrichtung außerhalb von Hamburg. In 2018 zog er zu seinem Vater in die Wohnung eines Mehrfamilienhauses im Hamburger Stadtteil Eißendorf. Er lebte extrem isoliert aufgrund sozialer Ängste, war nicht polizeilich auffällig und galt nicht als gefährlich.

Sein Zustand hatte sich in den Wochen vor dem 24. September verschlechtert. Offenbar hatte er seine Medikamente nicht mehr regelmäßig genommen und drohte in der Wohnung zu verwahrlosen. Ein Richter ordnete an, ihn in eine geschlossene Einrichtung einzuweisen.

Ein geplanter Routineeinsatz für die zwei erfahrenen 50 und 59 Jahre alten Mitarbeiter des Bezirksamtes Altona.

Gemeinsam mit dem 58 Jahre alten gesetzlichen Betreuer fahren die zwei Kollegen zur Wohnung des Klienten im dritten Obergeschoss eines Mehrfamilienhauses. Die beiden Kollegen sind alte Hasen und darin geschult, in Konfliktsituationen die Ruhe zu bewahren und deeskalierend zu wirken. Sie arbeiten seit vielen Jahren im Zuführdienst.

Aber Zwangseinweisungen sind nie einfach. Die Betroffenen sind aufgrund ihrer Erkrankung oft irrational, manche werden verbal aggressiv, andere handgreiflich. Bei Zuführungen, in denen die Kolleginnen und Kollegen eine heikle oder gewalttätige Situation erwarten, ergreifen sie Vorsichtsmaßnahmen und fordern beispielsweise die Unterstützung der Polizei an, um Gefahren für alle Beteiligten vorzubeugen und zu verhindern.

Für die Einweisung des 28-jährigen Klienten gab es keinerlei Hinweise auf eine mögliche Gewalteinlassung; weder der gesetzliche Betreuer noch die Kolleginnen und Kollegen des zuvor involvierten bezirkliches SpDis hatten Hinweise oder Informationen, die darauf hingewiesen hätten. Dennoch kam es zu einer unvorhergesehenen und bisher nie dagewesenen unvorstellbaren Eskalation der Gewalt gegen unsere Kollegen.

Der Klient übergoss die Kollegen mit einer brennbaren Flüssigkeit in der Wohnung. Daraufhin kam es zu einer Verpuffung, die die Kleidung der Beamten und den Rest der Wohnung in Brand setzte.

Der 59-Jährige Kollege und der Klient erleiden ein Inhalationstrauma und lebensgefährliche Verbrennungen, sie werden mit Rettungshubschraubern in umliegende Spezialkliniken gebracht. Der 50-jährige Kollege flüchtet ins Freie und erliegt auf der Grünfläche vor dem Wohnhaus kurze Zeit später seinen schweren Verletzungen. Der 58-jährige Betreuer erlitt bei der Tat leichte körperliche Verletzungen und einen schweren Schock.

Der verletzte Kollege und der Klient sind einen Tag nach der Tragödie nicht mehr in akuter Lebensgefahr. Mittlerweile hat der Kollege die akute medizinische Behandlung abgeschlossen und befindet sich in der Rehabilitation. Er hofft, in den nächsten Monaten seine Tätigkeit im zentralen Zuführdienst wieder aufnehmen zu können.

 

DIE NÄCHSTEN SCHRITTE

Der Hamburger Innensenator Andy Grote bezeichnet das Ereignis als „eine entsetzliche Tragödie“. Mit „Wir sind schockiert“, bringt ein Sprecher des Bezirksamts Altona die Emotionen der Kolleginnen und Kollegen auf den Punkt.

Im weiteren Verlauf kündigt die Altonaer Bezirksamtsleiterin Liane Melzer im Rundfunk Gespräche mit der Innen- und der Gesundheitsbehörde darüber an, inwieweit die Verfahren des Zuführdienstes nach diesem „fürchterlichen Unglück“ geändert werden müssten. 

Ines Kirchhoff, Vorsitzende der Fachgewerkschaft des öffentlichen Dienstes „komba“, äußert sich „entsetzt über die Geschehnisse“ und blickt mit Beunruhigung auf die wachsende Anzahl von Angriffen auf Bedienstete der hamburgischen Verwaltung. „Die Zahlen zeigen insgesamt eine steigende gesellschaftliche Verrohung und einen weiter abnehmenden Respekt gegenüber dem Staat, seinen Institutionen sowie seinen Vertreterinnen und Vertretern“, so Kirchhoff.

War es grob fahrlässig, dass die Zuführer – ohne die Polizei um Hilfe zu bitten – zur Wohnung des Klienten gegangen sind?

Die Klienten des Zuführdienstes sind keine Schwerverbrecher, um die sich die Polizei kümmern sollte, sondern Menschen mit seelischen Erkrankungen. Die meisten leiden an einer Schizophrenie mit Wahnvorstellungen. Sie hören Stimmen, sehen Dämonen, oft haben sie Angst vor der Welt. Diese Kranken verstehen nicht mehr, was um sie herum passiert und wissen nicht mehr, was sie tun. Sie brauchen Hilfe, und die muss zu ihnen kommen.

Alle Kolleginnen und Kollegen im ÖGD müssen als Helfer ihre Arbeit tun können. Diese ist mit einem Risiko für das Leben und die Unversehrtheit verbunden, aber dieses Risiko ist in der Regel gering und muss immer auf ein Minimum reduziert werden. Dazu benötigt es ein gutes Risikomanagement, in dem ein interner und ein externer Blick auf jeden einzelnen und alle Einsätze gemeinsam miteinander verbunden werden. Um das strukturiert und qualifiziert umzusetzen, müssen wir Expertise, in Form von Erfahrung, und Empirie, in Form von Daten, mehr miteinander in Bezug setzen. Dazu benötigen wir im ÖGD eine bessere Ausstattung und notwendige Qualifizierungen der Mitarbeitenden.

Besonders in einer Gesellschaft, in der die Gewalt gegen Repräsentanten der staatlichen Einrichtungen zunimmt, in der Randgruppen weiter marginalisiert werden, und die nach Transparenz verlangt, ist dies unbedingt erforderlich. Wir müssen dazu in der Lage sein, unsere Arbeit im ÖGD, uns selber und unsere Klienten so zu schützen, damit wir auch zukünftig allen helfen können, wie sie es benötigen.

Die Statistik der Einweisungen in Hamburg und Prognosen finden Sie hier.


Dr. med. Johannes Nießen
Kai Henning

Gesundheitsamt Altona

Dr. med. Peter Tinnemann MPH
Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen