Blickpunkt

Wächst zusammen, was zusammengehören könnte? - Blickpunkt 4/2017

Praxis und Theorie der Öffentlichen Gesundheit entwickeln sich in Deutschland weitgehend unabhängig voneinander. Die Brücke für eine Annäherung könnte Forschung sein.

 

Bereits auf dem wissenschaftlichen Kongress des BVÖGD 2004 in Marburg entstand die Idee, offene Fragen und unausgesprochene Kontroversen in der Beziehung zwischen Praktizierenden im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und Public Health Theoretikern zu klären. Das wurde 2005 im Bundesgesundheitsblatt ausführlich diskutiert. Aber die damals initiierten Forschungsverbünde und Ausbildungsinitiativen wollte bestehende wissenschaftliche Institute und Behörden für den Gesundheits- und Verbraucherschutz nicht als Forschungseinrichtungen wahrnehmen oder auf bestehenden Einrichtungen für öffentliche Gesundheit aufbauen – und schon gar nicht in die Nähe des ÖGD gerückt werden.

Seitdem fehlt es Theoretikern an Bezügen zu staatlichen Einrichtungen und praktischen Aufgaben Öffentlicher Gesundheit. Einig ist man sich allerdings, dass der englische Begriff „Public Health“ mit Öffentliche Gesundheit zu übersetzen sei. 2017 – fast 15 Jahre nach der ersten offenen Diskussion – wird die Zukunft von Öffentlicher Gesundheit in Deutschland wieder diskutiert. Das zweite Zukunftsforum Public Health findet im Dezember 2017 im Berlin statt. Ein Ziel ist Beteiligte aus Praxis, Forschung und Lehre zusammenzubringen.

Gleichzeitig schreibt die Deutsche Forschungsgemeinschaft neue Förderungen zur Stärkung der Public-Health-Forschung in Deutschland aus. Die wichtige und zentrale Aufgabe des ÖGD in Deutschland ist die gesundheitliche und soziale Daseinsvorsorge und Fürsorge.

Forschung zu Öffentlicher Gesundheit sollte Antworten finden, wo und wie der ÖGD noch besser dazu beitragen kann, die Teilhabe aller Menschen zu gewährleisten und damit letztlich die gesellschaftliche und politische Stabilität des demokratischen Systems zu stärken. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass in der Praxis des ÖGD kontinuierlich finanzielle und personelle Einschnitte stattfinden und die ÖGD Einrichtungen bereits heute kaum noch ihre Anforderungen erfüllen können.

Wenn Forschung die Wirksamkeit der Aufgaben und das Potential des ÖGD erfassen und analysieren würden, dann gäbe es endlich auch Gemeinsamkeiten in der Theorie und Praxis der Öffentlichen Gesundheit.

Daher muss darüber gesprochen werden, wie die Gesundheitsämter in die Planung, Durchführung und Umsetzung von Forschungsvorhabeneinbezogen werden können. Das setzt aber auch voraus, dass spezifische im ÖGD verortete Forschungsprojekte besonders gefördert werden. Darüber hinaus braucht es akademische Brückenprofessuren bzw. universitäre Lehrstühle für Öffentliche Gesundheit insbesondere an den Akademien in Düsseldorf, München und anderen Orten in gemeinsamer Trägerschaft mit kooperierenden Universitären um gemeinsam angewandte Forschung im Öffentlichen Gesundheitswesen zu fördern.


Peter Tinnemann