Blickpunkt

Gesundheitskompetenz als Hebel für mehr Gleichheit

Im Europa der Zukunft würde Gesundheitskompetenz umfassend gefördert, ginge es nach Expertinnen und – Experten aus dem Bereich Öffentliche Gesundheit. Sie sehen in Gesundheitskompetenz eine Brücke zu gleichen gesundheitlichen Chancen trotz sozialer Ungleichheit.

In Dänemark, dem vierthöchstentwickelten Land der Erde, trennen sieben Kilometer zwei Welten voneinander. In der Villengegend leben die Männer zehn und die Frauen dreizehn Jahre länger als die Menschen in den billigen Blockwohnungen. Diese haben zwar die gleiche Postleitzahl, ihre Sterblichkeit aber ist so hoch wie die der Bevölkerung von Ghana oder Pakistan.

Natürlich spiegeln solche Zahlen die rein statistische Lebenserwartung wider. Sie gehen allerdings aus Forschungsarbeiten hervor, die so zahlreich und verlässlich sind, dass der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Erkrankungs- und Sterberisiko als erwiesen gelten kann: Je geringer Bildung, Einkommen und berufliches Ansehen, umso weniger gesund der Mensch und desto kürzer sein Leben.

Unter den vielschichtigen Einflussgrößen, die diesen Zusammenhang erklären können, erhält die Gesundheitskompetenz in den letzten Jahren stark wachsende Aufmerksamkeit. Einfach formuliert, bezeichnet Gesundheitskompetenz die Fähigkeit, im täglichen Leben für die Gesundheit positive Entscheidungen zu treffen. Die Definition des European Health Literacy Consortiums – Health Literacy heißt wörtlich übersetzt Gesundheitsbildung – fällt komplexer aus: „Gesundheitskompetenz ist verknüpft mit Bildung und umfasst das Wissen, die Motivation und die Kompetenzen von Menschen in Bezug darauf, relevante Gesundheitsinformationen in unterschiedlicher Form zu finden, zu verstehen, zu beurteilen und anzuwenden, um im Alltag in den Bereichen der Krankheitsbewältigung, der Krankheitsprävention und der Gesundheitsförderung Urteile fällen und Entscheidungen treffen zu können, welche die Lebensqualität im gesamten Lebensverlauf erhalten oder verbessern.“

Zurück in die Blockwohnungen der ärmeren Bezirke Dänemarks, die sich ebenso in den Niederlanden oder der Schweiz befinden könnten und mit ihnen gemein haben, dass die mittleren Bildungsniveaus und Beschäftigungsquoten tief sind: Die Gesundheitskompetenz der hier oder an ähnlichen Orten lebenden Menschen ist vergleichsweise gering. Sie ist umso begrenzter, je älter und ärmer sie sind und je eher sie mit einer Behinderung leben, einen Migrationshintergrund aufweisen oder einer ethnischen Minderheit angehören.

Allerdings kann jede Person von eingeschränkter Gesundheitskompetenz betroffen sein. Tatsächlich ist sie weitverbreitet. Fast der Hälfte aller Europäerinnen und Europäer mangelt es an Fähigkeiten, sich Krankheit vom Leib zu halten und seelisch gesund zu bleiben. Dies ergab eine repräsentative und viel beachtete Studie, die Daten von 8.000 Menschen in verschiedenen EU-Staaten erhoben und ausgewertet hat REF. Die Schweiz schneidet im gesamteuropäischen Vergleich sogar noch schlechter ab. Eine geringe Gesundheitskompetenz geht im Wesentlichen mit ungünstigem Gesundheitsverhalten und schlechter Gesundheit einher. Eingeschränkt gesundheitskompetente Personen verfügen zwar oft über vergleichbare Zugangsmöglichkeiten zu Gesundheitsdiensten wie Menschen mit hoher Gesundheitskompetenz; die Forschung zeigt aber, dass sie in geringerem Maß fähig sind, sich geeignete Behandlungen zu verschaffen und weniger angemessene Nutzungsmuster aufweisen: Sie nehmen häufiger Notfalldienste in Anspruch und werden öfter und auch länger stationär in Spitälern behandelt. Sie verhalten sich zudem in der medizinischen Behandlung weniger kooperativ (geringere sogenannte Behandlungscompliance), unterziehen sich seltener Vorsorgeuntersuchungen und nehmen weniger Angebote der Gesundheitsförderung wahr.

Wer in seiner Gesundheitskompetenz begrenzt ist, versteht auch Gesundheitsinformationen weniger gut. Zudem ist die Kommunikation mit den Fachleuten aus der medizinischen und sozialen Versorgung minder effektiv. Es finden seltener Gespräche über die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten statt, was dazu führen kann, dass gesundheitliche Bedürfnisse im Verborgenen bleiben (vgl. Kasten „Strategien für Fachpersonen“). Zusammenfassend weisen die Forschungsergebnisse darauf hin, dass Menschen mit niedriger Gesundheitskompetenz ihr Verhalten in geringerem Maß einer wirksamen Gesundheitsförderung und Selbstfürsorge anpassen. Wenngleich von mangelhafter Gesundheitskompetenz grundsätzlich jeder betroffen sein kann, ist sie von zentraler Bedeutung für die soziale Ungleichheit von Gesundheitschancen. Gesundheitskompetenz folgt dem sozialen Gefälle ziemlich streng. Schließlich ist sie deutlich häufiger bei vulnerablen und benachteiligten Personengruppen nachzuweisen. Das Ausmaß der Gesundheitskompetenz kann jedoch den Gesundheitszustand einer Person zugleich besser vorhersagen als Einkommen, Beschäftigungsstatus, Bildungsniveau, Rasse oder Ethnie. Ihre Förderung bietet deshalb aus Public-Health-Perspektive, die Gesundheit nicht auf Ebene des Einzelnen, sondern aus gesamtgesellschaftlicher Sicht betrachtet, eine Möglichkeit, der Ungleichheit zu begegnen: Indem der Staat gesundheitskompetente Bevölkerungen heranbildet und ebensolche Systeme entwickelt. Das Regionalbüro der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat deshalb für Europa ein Strategiepapier verabschiedet, das die Politik zum Handeln auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene aufruft.

Damit wird deutlich, dass die Verantwortung nicht dem Einzelnen, der sich mehr oder weniger gesundheitskompetent verhält bzw. verhalten kann, allein aufgebürdet werden kann. Ob eine Person gesund ist oder krank, ob sie es bleibt oder nicht, ist immer auch als Ergebnis des Zusammenwirkens mit ihrer Lebensumwelt zu betrachten: dem Wohnumfeld, der Schule, dem Arbeitsplatz, den Einrichtungen des Sozial- und Gesundheitssystems genauso wie den Medien und Märkten, die sie als Konsumentin brauchen. Die soziale Verantwortung für die Gesundheit verteilt sich deshalb auf die staatlichen, gesellschaftlichen, schulischen, betrieblichen und privatwirtschaftlichen Sektoren.

Sie sind gleichsam gefordert, Gesundheitskompetenz zu fördern. Die Auswirkungen einer gesteigerten Gesundheitskompetenz werden auf individueller Ebene darin erwartet, dass sich die Belastbarkeit und Widerstandskraft erhöht, der Schweregrad einer Krankheit vermindert, die psychische Gesundheit verbessert und die Behandlungscompliance erhöht. Der Wechsel zu gesünderen Lebensstilen und das Engagement für die eigene Gesundheit werden gefördert, Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl positiv beeinflusst und die Menschen zu einem erfolgreicheren Umgang mit chronischen Erkrankungen befähigt. Die Vorteile für die Gesellschaft als Ganzes liegen in einer signifikanten Senkung der direkten und indirekten Krankheitskosten. Weniger gut zu messen, aber umso wertvoller für alle ist der Gewinn, der durch mehr gesundheitliche Chancengleichheit der sozialen Gerechtigkeit zugutekommt.


Nina Jacobshagen
Berner Fachhochschule, nina.jacobshagen@bfh.ch
Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin «impuls» des Fachbereichs Soziale Arbeit der Berner Fachhochschule (BFH)


Strategien für Fachpersonen zur Förderung der Gesundheitskompetenz

European Health Literacy Survey: 
die 12 Subdimensionen des konzeptionellen Modells