Blickpunkt

Sozialmedizinische Assistentinnen und Assistenten – unbekannte Allrounder im Gesundheitsamt?

Sozialmedizinische Assistenten und Assistentinnen (kurz SMA) erleben im Rahmen ihrer Ausbildung und auch danach häufig, dass ihr Beruf unbekannt ist außerhalb des Gesundheitsamtes, in dem sie tätig sind. Dabei sind sie Allrounder, die in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Gesundheitsdienstes (ÖGD) eingesetzt werden können. Vom Kinder- und Jugendgesundheitsdienst (KJGD) über Gesundheitsberichterstattung, von der Arbeit mit Flüchtlingen bis zur Tuberkulosefürsorge.

Unser Ziel ist es, mit diesem und weiteren Artikeln SMA bekannter zu machen. Wir möchten dafür werben, das Rad nicht neu zu erfinden wenn es um Aufgabengebiete geht, die SMA längst aufgrund ihrer Qualifikation abdecken könn(t)en.

 

Zurzeit läuft zum 33. Mal der Lehrgang für Sozialmedizinischen Assistenten und Assistentinnen. Unisono – und übereinstimmend mit den Erfahrungen der Teilnehmenden aus früheren Lehrgängen – machen die Auszubildenden die Erfahrung, dass außerhalb des öffentlichen Gesundheitsdienstes das Berufsbild SMA unbekannt ist. Dass es diese Ausbildung überhaupt gibt und was genau die Aufgabenfelder sind, wissen Leute aus der Praxis in Krankenhäusern oder anderen Einrichtungen meist nicht.

Das ist nicht nur schade, sondern verhindert auch die Wertschätzung einer hoch engagierten Kollegenschaft.

Die Ausbildung zur SMA

Um die Ausbildung machen zu können, ist eine Grundqualifikation in der (Kinder-) Gesundheits-/ Krankenpflege, als Hebamme, Entbindungshelfer, Medizinische Fachangestellte oder Ähnliches Voraussetzung. Die ausbildende Behörde ist das Gesundheitsamt. Diese meldet Interessierte zur insgesamt vier Monate dauernden theoretischen Ausbildung an der Akademie für öffentliches Gesundheitswesen an. Hinzu kommen Praktika in (Kinder-) psychiatrischen Einrichtungen, Einrichtungen für Körperbehinderte, in einer Pädiatrischen oder Inneren Abteilung eines Krankenhauses sowie im Gesundheitsamt selbst.
Angehende SMA sollen einen Einblick in die Vielfalt des ÖGD bekommen, mit anderen Worten: Diese Praktikumszeit soll genutzt werden, um alle (!) Abteilungen eines Amtes zu durchlaufen. Dadurch sollen Einblicke in die Aufgabengebiete von ärztlichem Fachpersonal, therapeutischem Fachpersonal und Pflegepersonal gewonnen und keineswegs mögliche Pflegeengpässe in stationären Einrichtungen überbrückt werden. Die Auszubildenden im Praktikum unterstützen, aber ersetzen nicht andere Kräfte.
Ziel der Ausbildung ist es, die SMA umfangreich zu qualifizieren. Zwei Ausbildungsblöcke von zwei Monaten umfassen Rechts- und Verwaltungskunde, Epidemiologie und Gesundheitsplanung/-berichterstattung, Infektionsschutz, Sozialmedizin, Sozialpsychiatrie, Gesundheitshilfen, Gesundheitsförderung und Prävention. Die Ausbildung wird mit Bestehen einer schriftlichen und mündlichen Prüfung abgeschlossen.

Erfahrungsaustausch Barcamp 2016

Um herauszufinden, in welchen unterschiedlichen Bereichen SMA eingesetzt werden und über welchen Erfahrungsschatz sie verfügen, führten die Teilnehmenden des 33. SMA-Lehrgangs der Akademie ein sogenanntes Barcamp durch. Dabei legen die Teilnehmenden Themen fest, die sie bearbeiten möchten. Je nach Bedarf können Fachleute hinzugezogen werden.
Ursprünglich beinhaltete ein Barcamp tatsächlich auch das „Campieren“ am Veranstaltungsort, um Austausch nicht durch zeitliche oder räumliche Grenzen einzuschränken. Auch wenn campieren hier nicht umgesetzt worden ist, wurde zwei Tage lang intensiv gearbeitet. Dabei war neben Früherkennungsuntersuchungen in Kindertageseinrichtungen und Belehrungen nach Infektionsschutzgesetz insbesondere das Image der SMA zentrales Thema des Barcamps. Es wurde klar, dass SMA in fast allen Bereichen des Gesundheitsamtes eingesetzt werden: KJGD, Screeninguntersuchungen, Prävention, Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitshilfen, Betreuung von Flüchtlingen, Tuberkulosefürsorge, frühe Hilfen, sozialpsychiatrischer Dienst, amtsärztlicher Dienst oder im Gesundheitsschutz.
Neben der Assistenz der ärztlichen Tätigkeit, etwa bei den Schuleingangsuntersuchungen, sind sie häufig selbständig im Projektmanagement, Netzwerkarbeit, Öffentlichkeitsarbeit, Organisation/Koordination, Schulungen/Fortbildungen und Berichtswesen tätig. Dazu müssen sie über vielfältige soziale, emotionale, kommunikative, rechtliche und medizinische Kompetenzen verfügen. Sie beraten, klären auf, sind fürsorglich, kultursensibel, emphatisch, teamfähig und ausgebildet, Risiken einschätzen zu können.
Das Fazit des Barcamps ist: Sozialmedizinische Assistent/innen oder auch einfach „sie machen alles“!

SMA – Familienhebammen – Gemeindeschwestern: Wohin führt das?

Trotz der vielfältigen Einsatzmöglichkeiten, der Fähigkeit zu selbständigem Arbeiten und einem hohen Engagement sind SMA in manchen Bundesländern weiterhin „unbekannte Wesen“, an anderen Orten werden SMA als solche bezeichnet, ohne eine spezifische Ausbildung gemacht zu haben. Und trotz hohen Engagements, umfangreichem Wissens und einem durch Praktika erweiterten Erfahrungsschatz, ändert sich mit abgeschlossener SMA Ausbildung bisher die tarifliche Eingruppierung meist nicht. Gleichzeitig werden „neue“ Weiterbildungen geschaffen, deren Ausbildung weniger umfangreich ist. Beispielsweise umfasst die Ausbildung zur Familienhebamme 270 Unterrichtseinheiten gegenüber 420 in der SMA-Ausbildung.
Dennoch werden Familienhebammen im Rahmen der frühen Hilfen höher eingruppiert. Derzeit macht auch ein weiteres Projekt die Runde: die Schulgemeindeschwester. Über die drei Berufsbilder, deren Voraussetzungen und den jeweiligen Lehrstoffplan werden wir in einem der nächsten Blickpunktausgaben vergleichend berichten.

Autorin: Dr. Dagmar Starke

Den Artikel können Sie auch in unserem Blickpunkt öffentliche Gesundheit Ausgabe 4/2016 nachlesen.