Blickpunkt

ÖGD UND KLIMAWANDEL

Von Public zu Planetary Health:

Für die Gesundheit von Mensch und Planet im neuen Zeitalter des Anthropozän

Unser Planet verändert sich. Das allein ist zwar in der Erdgeschichte nichts Neues. Doch die schnelle Geschwindigkeit, mit der sich die Lebensbedingungen auf der Erde derzeit wandeln, stellt die Funktion des globalen Ökosystems auf eine schwere Probe. Und mit ihr die Gesundheit des Menschen! Denn beides hängt eng zusammen. Während diese Zusammenhänge immer klarer werden, kristallisieren sich auch neue Ansprüche an das Gesundheitswesen heraus. 

Kürzlich ist der neue große Umweltbericht der Vereinten Nationen erschienen (Global Environment Outlook 6; UNEP, 2019). Er zeigt eindrücklich, wie Gesundheit und Leben von Millionen Menschen durch die immer dramatischere Umweltzerstörung bedroht sind. Sein Untertitel „Healthy Planet, Healthy People“ weist zugleich darauf hin, dass ein anderer Weg möglich ist. 

In Zeiten tiefgreifender Umweltveränderungen fragen die Autorinnen in diesem Artikel nach dem Gesundheitswesen der Zukunft. Wird es auf andere Erkrankungen, mehr Krankheitsfälle und plötzliche Krisen vorbereitet sein? Wird es sozioökonomisch benachteiligte Menschen in besonderem Maße schützen? Wird es ganzheitlich und interdisziplinär denken, um den neuen Herausforderungen im Gesundheitsschutz begegnen zu können? Wird es aktiv dazu beitragen, dass Menschheit und Ökosystem Erde in einer symbiotischen Beziehung stehen, in der sie positiv aufeinander wirken? 

Für uns als zukünftige Ärztinnen sind diese Fragen keine Träumereien oder Gedankenspiele. Sie werden ganz konkret unseren Alltag prägen. Und: Sie sind höchstaktuell, denn die Umweltzerstörung ist bereits jetzt deutlich zu spüren. Die Zukunft beginnt schon morgen, und die Weichen für das Gesundheitswesen der Zukunft stellen wir alle gemeinsam genau jetzt.

GRENZEN DER BELASTBARKEIT 

Die Interaktionen von Mensch und Planet wurden in den letzten Jahrzehnten immer besser verstanden. Mit der Erdsystemforschung hat sich eine neue wissenschaftliche Disziplin etabliert, die mittels ausgefeilter Modelle die Wechselwirkungen und Veränderungen der physika-lischen, chemischen, biologischen und sozialen Komponenten des komplexen Systems Erde untersucht (Schellnhuber, 1998). So können Aussagen über den Zustand und die Belastbarkeit des planetaren Ökosystems getroffen und mögliche zukünftige Entwicklungspfade erkundet werden. 

Es wurden neun Planetare Belastungsgrenzen definiert, die den „sicheren Operationsbereich der Menschheit auf dem Planeten Erde“ umschreiben (Tab. 1; Rockström et al., 2009). Je weiter diese überschritten werden, desto mehr vergrößern sich Unsicherheiten und Risiken. Durch menschliches Einwirken rast das System Erde immer schneller in den Gefahrenbe-reich (Große Beschleunigung; Steffen et al. 2015). Heute ist die Menschheit die bestimmende Kraft auf dem Planeten. Willkommen im Zeitalter des Anthropozän (Crutzen & Stoermer, 2000)! Die Destabilisierung der natürlichen Lebensgrundlagen wirkt sich unweigerlich auf die menschliche Gesundheit aus.

GESUNDHEIT IM ANTHROPOZÄN 

Nehmen wir etwa den Klimawandel unter die Lupe. Bei der Verbrennung fossiler Energieträger werden Treibhausgase wie CO2 freigesetzt. Diese verstärken den Treibhauseffekt und sorgen für mehr Energie im Klimasystem. Das beeinflusst Luft- und Meeresströmungen (Mann et al., 2018; Caesar et al., 2018) und führt zu regionalen Klimaänderungen. In Deutschland kommt es unter anderem zu mehr Hitzetagen und Hitzewellen (PIK, 2019). Mit höheren Temperaturen korrelieren eine gesteigerte Morbidität und Mortalität kardiovaskulärer und respiratorischer Erkrankungen (Bunker et al., 2016). Kleinkinder, ältere und pflege-bedürftige Menschen sind besonders gefährdet (Xu et al., 2012; Song et al., 2017). 

Die Vulnerabilität variiert auch über den Raum: In städtischen Gebieten mit wenigen Grünräumen und schlechter Ventilation staut sich die Hitze. Deutlich höhere Temperaturen als im Umland sind die Folge (Effekt der städtischen Wärmeinsel; Heaviside et al., 2017). Sozioökonomisch benachteiligte Menschen sind gleich mehrfach vulnerabel: aufgrund personenbezogener Risikofaktoren (z. B. geringe finanzielle Mittel für Raumkühlung; Gronlund, 2014) und in Folge räumlicher Disparitäten (z. B. tendenziell schlechteres Stadtklima in ihrer Wohnumgebung; SenUVK, 2019). Eine Frage der Gerechtigkeit! Für die globale Dimension von Umwelt(un)gerechtigkeit gilt: Von den Folgen des Klimawandels am stärksten betroffen sind vor allem jene Menschen, die am wenigsten für ihn verantwortlich sind. 

Neben Hitzestress führt der Klimawandel zu weiteren gesundheitlichen Risiken (Tab. 2). Die Überschreitung der anderen Planetaren Belastungsgrenzen geht zudem mit weiteren Gesundheitsgefahren einher (Tab. 1). Als zukünftige Ärztinnen fragen wir: Wird das Gesundheitswesen der Zukunft auf andere Erkrankungen, mehr Krankheitsfälle und plötzliche Krisen vorbereitet sein? Wird es sozioökonomisch benachteiligte Menschen in besonderem Maße schützen?

PLANETARY HEALTH ALS INTER-DISZIPLIN 

Auf die Perspektive kommt es an! Bei Gesundheit im Anthropozän geht es um Wechselwirkungen – zwischen Aspekten von Umweltzerstörung, bei der Erzeugung von Gesundheitsrisiken und auf Ebene der Erkrankungen. Es geht auch um Veränderungen, denn das System befindet sich in einem dynamischen Zustand. Und es geht um Lösungen für jetzt und die Zukunft. Es genügt nicht mehr, Gesundheit an der Peripherie von Umwelt, und Umwelt an der Peripherie von Gesundheit zu verorten. 

Planetary Health beschreibt „die Gesundheit der menschlichen Zivilisation und der natürlichen Systeme, von denen diese abhängt“ (Whitmee et al., 2015). Der Gesundheitsbegriff wird auf das System Erde erweitert und die Gesundheit des Menschen als untrennbar von der Gesundheit des Planeten begriffen. Planetary Health ist dabei von Grund auf so interdisziplinär, dass die Autorinnen sie gern als Inter-Disziplin bezeichnen. Sie befindet sich an der Schnittstelle von Erdsystemforschung, Nachhaltigkeitswissenschaft und Öffentlicher Gesundheit, und vereint die Konzepte und Prinzipien dieser Fachrichtungen. Im Jahr 2013 erstmals erwähnt (Horton, 2013), folgten wenig später ein umfangreicher Report (Whitmee et al., 2015) und das Open-Access-Journal The Lancet Planetary Health. Mittlerweile unterstützen weltweit über 120 akademische Institutionen, Behörden und Nichtregierungsorganisatio-nen die neue Inter-Disziplin unter dem Schirm der Planetary Health Alliance (PHA, 2019). 

Planetary Health bietet ein ganzheitliches Gesundheitskonzept und eine interdisziplinäre Perspektive, um lokale Gesundheitsfragen in ihrem globalen, ökologischen und sozialen Kontext zu beantworten. Als zukünftige Ärztinnen fragen wir: Wird das Gesundheitswesen der Zukunft ganzheitlich und interdisziplinär denken, um den neuen Herausforderungen begegnen zu können? 

 

RESILIENZ UND NACHHALTIGKEIT 

Umweltzerstörung macht krank und verursacht Leiden. Doch es geht auch anders: Wenn wir Menschen positiv auf die uns umgebenden Ökosysteme wirken, fördern wir damit unsere Gesundheit und unser Well-being! Noch einmal das Beispiel Klimawandel und Hitzestress: Mit dem Umstieg auf erneuerbare Energien und Elektromobilität bremsen wir den Klimawandel und mindern seine Gesundheitsrisiken (zero order prevention; St. Louis & Hess, 2008). Dabei verringern wir gleichzeitig die Luftverschmutzung durch Feinstaub, was wiederum Gesundheit schützt. Aktive Mobilität (z. B. Fahrradfahren) wirkt zudem Risikofaktoren wie Übergewicht entgegen. Auch Grünanlagen reduzieren Hitzestress und filtern Feinstaub. Zusätzlich regen sie zur Bewegung an und tragen zum Wohlbefinden bei. Solche positiven gesundheitlichen Zusatzeffekte von umweltschützenden Maßnahmen sind quantifizierbar und werden als Co-Benefits bezeichnet (Harlan & Ruddell, 2011). 

Und das Gesundheitswesen? Anpassungsmaßnahmen an vermehrten Hitzestress sind etwa Reservekapazitäten im Rettungsdienst, die Kopplung mit Hitzewarnsystemen und Hitzetelefone zur Surveillance gefährdeter Personen. Diese Maßnahmen entsprechen verschiedenen Prinzipien eines resilienten Gesundheitswesens (z. B. nach Kruk et al., 2017). Resilienz als zentraler Grundsatz wird zunehmend diskutiert (z. B. in Wulff et al., 2015). Sie kann Stabilität und Widerstandsfähigkeit von Gesundheit im Anthropozän gewährleisten. Zudem kann das Gesundheitswesen aktiv zur Gestaltung einer gesunden, nachhaltigen und resilienten Ge-sellschaft beitragen, indem es seinen ökologischen Fußabdruck verringert, Aufklärung be-treibt und sich politisch für zero order prevention einsetzt.

VERANTWORTUNG IM WANDEL 

Think globally, act locally! Planetare Gesundheit wird global gedacht und lokal gemacht. Sie ist die Summe gesunder Städte und Kommunen – mit gesunden Menschen und gesunder Natur. Hier spielt der Öffentliche Gesundheitsdienst eine Schlüsselrolle. Viele Maßnahmen des Umwelt- und Gesundheitsschutzes entfalten Synergien. Umwelt- und Sozialmedizin lassen sich ausbauen, die Kommunikation mit Wissenschaft, Stadtplanung und Umweltbehörden lässt sich vertiefen. Die Kooperation mit niedergelassenen Ärzt*innen kann intensiviert werden, um die Versorgung zu optimieren (APUG, 2019). Forschung zur Planetaren Ge-sundheit sollte gefördert, ihre Ergebnisse sollten praktisch umgesetzt werden. Bestehende Ressourcen können geteilt und erweitert werden (z. B. E-Learning-Angebote wie Massive Open Online Courses [MOOCs]; Netzwerke wie die Planetary Health Alliance und die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit). Und die Themen der Planetaren Gesundheit sollten dringend in den Curricula der Gesundheitsberufe verankert werden (erfolgreiche Beispiele: Walpole, 2017).

Think outside the box! Die in den letzten Jahrzehnten erreichten gesundheitlichen Verbesserungen sind heute bedroht (Abb.1). Doch es geht nicht nur darum, Symptome zu bekämpfen oder Schadensbegrenzung zu betreiben. Als zukünftige Ärztinnen fragen wir: Wird das Gesundheitswesen der Zukunft dazu beitragen, dass Menschheit und Planet in einer symbiotischen Beziehung stehen, in der sie positiv aufeinander wirken?

Oskar Masztalerz & Henrika Kleineberg-Massuthe
Studierende der Medizin und Gründungsmitglieder der Students for Planetary Health Berlin (SfPHBerlin)