Blickpunkt

Für einen aktiven, lebendigen ÖGD

Die Mitarbeitenden im Öffentlichen Gesundheitsdienst arbeiten auf fachlich hohem Niveau für die Gesundheit der Bevölkerung. Es braucht eine lebendige Diskussion, um stetig Verbesserung zu erreichen und die eigene Arbeit zu reflektieren.

Der Öffentliche Gesundheitsdienst (OGD) hat vielfaltige Aufgaben und muss sich etlichen Herausforderungen stellen – im Bereich Kinder- und Jugendgesundheit (KJGD), Hygiene und Infektionserfassung und -prävention, Sozialpsychiatrie und vieles mehr.


In den letzten Jahren wird zunehmend die Forderung nach „Verwissenschaftlichung des ÖGD“ und „Zusammenarbeit mit Public Health“ aufgestellt, teilweise werden ÖGD und Public Health gleichgesetzt oder auch als Teil der Public Health darunter subsumiert.

So berechtigt die in der Public Health-Forschung verortete Versorgungsforschung, Epidemiologie und Gesundheitsförderung auch sind, Arbeit und Auftrag des ÖGD gehen weit darüber hinaus. Der ÖGD ist nicht „nur“ forschender Betrachter, er hat gesetzliche Aufgaben, ist Akteur, aktiver Gestalter.

Um diese Aufgaben gut, auf fachlich hohem Niveau und zum bestmöglichen Nutzen für die Bevölkerung umzusetzen, ist es zwingend notwendig, die eigene Arbeit wissenschaftlich zu reflektieren und zu evaluieren – auch vor dem Hintergrund sich ändernder Anforderungen aus der Gesellschaft. Josef Weigl hat – aus dem ÖGD heraus – die Frage der Ausgestaltung der Schuleingangsuntersuchungen (SEU) anhand von sechs Kriterien diskutiert. In dem sogenannten Plöner Modell konnte durch Strukturänderung bei der SEU deutlich mehr Zeit für die tatsächlich „bedürftigen“ Kinder gewonnen werden. Auch wenn Weigl manche Formulierungen oder Begriffe verwendet, die so nicht nachvollziehbar sind (u.a. Was sind moderne Public Health Ethik Kriterien?) und deswegen beim Leser Irritationen auslösen können: dieser Beitrag ist wichtig. Auch wir haben kürzlich in zwei Beitragen [1, 2] – nach Darlegung der Historie der SEU – einen neuen Diskurs der Aufgaben des KJGD gefordert und angeregt, „[…] in diesem Zusammenhang auch die Schuleingangsuntersuchung und insbesondere deren Gestaltung neu zu diskutieren. Die Notwendigkeit eines effektiven KJGD angesichts der Zunahme der Seiteneinsteigenden und der Flüchtlinge sowie der Herausforderungen der Inklusion besteht mehr denn je.“ [1]

Interne positive Aufgabenkritik ist auf allen Gebieten des ÖGD im Sinne der Reflexion und Effektivität nötig. Wir haben das in Hessen schon bereits vor mehr als 20 Jahren im Hinblick auf die Untersuchungen im Lebensmittelbereich getan [3], später auch bei der Heilpraktikerüberprüfung
[4, 5], der Trinkwasserhygiene [6], den Meldepflichten [7, 8] oder den methodischen Grenzen der Hygieneüberwachung [9]. Solche konstruktiv-kritischen Diskussionen sind lebensnotwendig für einen lebendigen ÖGD – ohne sie wird er selbst seine Marginalisierung befördern.


Prof. Dr. Ursel Heudorf
Gesundheitsamt Frankfurt a.M.