Blickpunkt

Blickpunkt 1/2018 Seite 8

Crowdsourcing zur Schließung der Lücke zwischen Wissenschaft und Public Health

 

 

 

 

 

 

Ein innovatives Austauschforum mit Crowdsourcing-Charakter könnte Interaktionen und Informationsfluss zwischen Öffentlichem Gesundheitsdienst und Veterinärwesen sowie der Wissenschaft im Sinne von One Health stärken.

Zoonosen waren für 65% der von 1980 bis 2013 gemeldeten sowie 75% der von 1940 bis 2004 neu- auftretenden Infektionskrankheiten verantwortlich. Ein One Health Ansatz wird seit 20 Jahren propagiert, um durch kooperative, sektorübergreifende und multidisziplinäre Zusammenarbeit das Risiko von Infektionskrankheiten zu reduzieren.
Die Umsetzung von One Health in der Praxis stellt häufig eine Herausforderung dar. Kulturelle Unterschiede oder institutionelle Barrieren für Entscheidungsträger limitieren einen effektiven Wissensaustausch. Verbesserte Kommunikation zwischen Theoretikern und Praktikern aus dem Bereich Öffentliche Gesundheit durch gezielte Förderung könnte Barrieren reduzieren und die kollektive Intelligenz der Zielgruppe steigern.
Seit Ende 2016 wird die Etablierung eines interaktiven Forums mit Crowdsourcing-Charakter (AUSTAUSCH-WIPH) diskutiert, das zum Ziel hat, a) Informationsbedarf zu identifizieren und b) Wissensaustausch, c) Translation (Wissenschaft in Praxis und umgekehrt) sowie d) Effektivität der Weiterbildung zu steigern. Die Zielthemen umfassen Zoonosen, Antibiotikaresistenz und Hygiene. Angesprochen sind vier Teilgruppen: Vertreter des Öffentlichen Gesundheitsdiensts und Veterinärwesens sowie human- und tier- medizinische Wissenschaftler.

Crowdsourcing ist ein online-verteiltes Problemlösungs- und Produktionsmodell, das verstärkt auch im Bereich Öffentliche Gesundheit exploriert wird. Sowohl Institutionen als auch Einzelvertreter stellen Fragen an eine oder mehrere Teilgruppen, die in einer Suchdatenbank hinterlegt werden. Die Fragen werden von Mitgliedern (Community) freiwillig beantwortet, um einen Mehrwert für den Fragesteller und Community zu generieren. Eine Online-Plattform ermöglicht die Interaktion zwischen Fragestellern und Community.
Die Voraussetzungen zur Teilnahme bei AUSTAUSCH-WIPH werden bei der Erstregistrierung geprüft, um interne Diskussionen innerhalb eines Passwort-geschützten Online-Bereichs zu ermöglichen. Teilnehmer können Mail-Benachrichtigungen einrichten und sich über eine Intranetseite über Angebote, Aufgaben und Diskussionen informieren. Ein voller Zugriff auf die Inhalte bedarf einer Mitgliedschaft, die bei einem Beitrag von mindestens 20 Minuten in einem Monat kostenlos oder über einen monetären Beitrag erreicht wird. Dies soll das Bewusstsein schärfen, dass langfristig ein Austausch nur funktioniert, wenn sich Mitglieder aktiv einbringen. Freiwillige Netzwerkpromotoren rekrutieren externe Experten, falls Informationsbedarf nicht ausreichend gedeckt werden kann. Ein Moderator unterhält das Forum und die Suchdatenbank und präsentiert jeden Monat ein Diskussionsthema, eine Literaturübersicht und einen vorselektierten, wissenschaftlichen Artikel. Innovative Medien werden genutzt, um Informations- und Weiterbildungsbedarf auf zielgerichtete Weise zu adressieren. Insbesondere ist wichtig, dass Mitglieder die Themenwahl beeinflussen und unbeantwortet gebliebene Fragen hinsichtlich Forschungs- oder Weiterbildungsbedarf bewerten können. Dies bietet Gelegenheit, die Forschungs- und Weiterbildungsagenda zu beeinflussen.

AUSTAUSCH-WIPH würde als eigenes Fachnetz auf Uminfo.de (www.uminfo.de) (Abb. 1) gehostet werden. Uminfo.de ist ein 1994 etablierter Informationsverbund für die Fachöffentlichkeit im Gesundheitswesen und wird bereits von 70% der Gesundheitsämter genutzt. Existierenden Fachnetzforen sind z.B. PädInform®, ÖGD-Portal und UmInfo – AllInfo. Mehrere Zugangswege stehen zur Verfügung (Software Installation, Social Media-Zugang via Webbrowser oder FirstClass-App).
Neben klassischen Funktionen wie Mailbox, Kontakte, Kalender und Dokumente bietet die Chat-Funktion beim Social Media-Zugang die aus sozialen Netzwerken bekannten Funktionen wie Folgen, Bloggen und Teilen. Eine Verlinkung mit einem Intranet erlaubt die Exploration zusätzlicher interaktiver Funktionen. Zu AUSTAUSCH-WIPH wären auch Vertreter des Öffentlichen Veterinärwesens und Wissenschaftler eingeladen, um die Vernetzung der vier Teilgruppen zu ermöglichen.
Die Kinderumwelt gGmbH hat als Träger von Uminfo.de mehr als 20 Jahre Erfahrung im konzeptionellen Aufbau, der Realisierung und dem sicheren Betrieb fachöffentlicher Kommunikationssysteme. Die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen ist daran interessiert, Weiterbildungsbedarf zu identifizieren und mittels innovativer Ansätze zu adressieren. Erhöhter Informationsbedarf ist auch aufgrund der Änderungen im Infektionsschutzgesetz absehbar. Zudem kann die Akademie das Projekt durch Weitergabe von Informationen innerhalb der Community vorantreiben (Homepage, Newsletter, Social Media) und in Kooperation mit dem RKI gemeinsame Webinare zu selektierten Themen anbieten.

Schlussfolgerung: Das Adressieren historischer Barrieren und Austesten neuer Ansätze ist unerlässlich, um One Health verstärkt in die Praxis umzusetzen und damit Zoonosen effektiver zu bekämpfen. Der Mehrwert von AUSTAUSCH-WIPH hängt stark von der Teilnahme ab. Es wird angenommen dass in Deutschland mindestens 1500 Zielgruppenvertreter mit den Zielthemen arbeiten und mindestens 10% davon an einem Austausch interessiert sind. Verschiedene Anreize sollten exploriert werden, um einen sektorübergreifenden, interdisziplinären Informationsaustausch nachhaltig zu fördern. Zusammenfassend kann diese Initiative Informationsaustausch und Vernetzung, Translation sowie Forschung und Weiterbildung stärken.

Birgit Schauer Institut für Community Medicine, Universitätsmedizin Greifswald


Danksagung
Matthias Otto, Kinderumwelt gGmbH, Georgsmarienhütte
Peter Tinnemann, Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen, Düsseldorf
Alena Buyx, Abteilung für globale Gesundheit & Sozialmedizin
Ute Teichert, Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen, Düsseldorf
Barbara Prainsack, King’s College London, Vereinigtes Königsreich

Abb. 1 Screenshots von Uminfo.de, einem Verbund von Fachnetzen im Gesundheitswesen

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