v. l. Prof. Dr. Martin Kreis, Vorstand Krankenversorgung der Charité, Berlin, Dr. Ute Teichert, Leiterin der Akademie für ÖGW, Benno Fritzen, Leitender Branddirektor a.D. und Zivilschutzexperte Armin Schuster, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK)

Für die Gesundheit der Bevölkerung: Forum „Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Gesundheitlichen Bevölkerungsschutz“

Die Starkregenereignisse in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz, die Hitzeperioden der letzten Jahre und nicht zuletzt die COVID-19-Pandemie hatten und haben noch immer erheblichen Einfluss auf die Gesundheit der Bevölkerung.


Wie muss die Notfallplanung der Zukunft aussehen, um die Menschen bei immer häufiger auftretenden Krisensituationen bestmöglich zu schützen?

Antworten auf diese Frage sollte das zweitägige Forum „Interdisziplinäre Zusammenarbeit im Gesundheitlichen Bevölkerungsschutz“ generieren, welches vom 05. bis 06. Oktober 2021 an der Charité in Berlin stattfand.

55 Expert:innen in Berlin
Das diesjährige Forum war aus mehreren Gründen ein ganz Besonderes. Zunächst wurde es gemeinsam von der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf (AÖGW), der Bundesakademie für Bevölkerungsschutz und Zivile Verteidigung (BABZ) sowie der Charité – Universitätsmedizin Berlin organisiert. Durch die Bündelung der Ressourcen und Nutzung der gemeinsamen Netzwerke ist es gelungen, 55 Expert:innen für Krisenmanagement aus den verschiedensten Sektoren des Gesundheitlichen Bevölkerungsschutzes an der Charité in Berlin zusammenzubringen. Es beteiligten sich Vertreter:innen aus Krankenhäusern, dem Rettungsdienst, der Feuerwehr, aus Hilfsorganisationen, dem Katastrophenschutz, dem ÖGD und hier insbesondere der Gesundheitsämter. Selbstverständlich fand diese Zusammenkunft unter Einhaltung der 2-G-Regel und strenger Hygienemaßnahmen statt. Ziel war es, Lösungsansätze und Handlungsoptionen für eine verbesserte schnittstellenübergreifende Zusammenarbeit zu finden.

Eine weitere Besonderheit dieser Veranstaltung war das Format. Neben der Teilnahme vor Ort bestand die Möglichkeit, sich über den Chat und die Mikrofone live zu beteiligen. Diese Chance nahmen ca. 60 Personen wahr. Zusätzlich verfolgten ungefähr weitere 50 Teilnehmer:innen die Veranstaltung über einen Stream auf dem YouTube-Kanal der AÖGW: aoegw.de/youtubekanal. Insgesamt wurden somit um die 200 Teilnehmer:innen erreicht.

Kooperation aller Verantwortlichen für einen starken Bevölkerungsschutz
Bereits in den Begrüßungsreden der drei organisierenden Institutionen am ersten Tag wurde der Kooperations- und Vernetzungsgedanke deutlich. Prof. Dr. Kreis als Vorstand Krankenhausversorgung Berlin betonte, dass eine Zusammenarbeit aller Akteur:innen absolut geboten sei. Sein Fazit: die nächste Krisensituation kommt bestimmt, die Frage sei nur wann.

In eine ähnliche Richtung argumentierte auch Herr Schuster, Präsident des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK). Seine Vision: „Es muss uns gelingen, ein starkes Bevölkerungsschutzkonzept zusammenzustellen“. Frau Dr. Teichert, Direktorin der AÖGW, konkretisierte den Kooperationsgedanken. Die Qualifizierung solle gemeinsam, etwa in gemeinsamen Ausbildungszentren für Übungen, erreicht werden. Ihr Fazit war daher nicht verwunderlich: „Es gibt viel zu tun, vor allem in der Qualifizierung neuen Personals. Der ÖGD muss mitbedacht werden und gemeinsame Standards sollten erarbeitet werden, um eine bessere künftige Zusammenarbeit aller Akteur:innen zu gewährleisten.“

Krisen besser antizipieren – aus Erfahrungen lernen
Einig waren sich alle, dass es zwar wichtig ist, vergangene Krisen aufzuarbeiten, jedoch sollte man sich künftig stärker auf die Antizipation fokussieren und dabei denkbare Szenarien vorbereiten. Die unterschiedlichen Akteur:innen von Bund, Land und Kommune stellten jeweils dar, welche Herausforderungen es rückblickend gab und wie diese gelöst werden konnten.
Neben dem Bundesgesundheitsministerium (BMG) und dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) als nationale Partner, wurde zusammenmit Expert:innen der NATO und der WHO der Blick über den Tellerrand hinaus gewagt. Frau Dr. Ute Rexroth, Leiterin des FG 38 (Infektionsepidemiologisches Krisenmanagement, Ausbruchsuntersuchungen und Trainingsprogramme) und stellvertretende Leiterin der Abteilung 3 (Infektionsepidemiologie) am RKI, führte die Teilnehmer:innen zu zukünftigen Herausforderungen im Gesundheitlichen Bevölkerungsschutz aus Public-Health-Sicht zurück auf die nationale Ebene. Die pointierte Zusammenfassung von Herrn Gulotta, Leiter Abteilung III (Wissenschaft und Technik) am BBK, rundete den ersten Tag ab.

Workshops zu den wichtigsten Themen der Zukunft
Der zweite Tag stand, nach einem Einführungsvortrag aus der Schweiz, ganz im Zeichen der gemeinsamen künftigen Zusammenarbeit. Dabei wurde die oft geforderte Digitalisierung und interdisziplinäre Zusammenarbeit in drei Workshops live erprobt. Whiteboards und Umfragen stellten die Ergebnisse online sicher. Der erste Workshop behandelte das Thema „Anforderungsprofil für die Schnittstellenübergreifende Zusammenarbeit in kritischen Lagen des Gesundheitlichen Bevölkerungsschutzes“. Der zweite Workshop hatte den Schwerpunkt „Die Kritische Infrastruktur Krankenhaus. Welche Maßnahmen sind nötig, um zukünftigen Herausforderungen wirkungsvoll zu begegnen?“ Der dritte Workshop stand ganz im Zeichen des ÖGD. In diesem sollte erarbeitet werden, welche möglichen Aufgaben, Kompetenzen und Verantwortlichkeiten künftige Krisenmanager:innen im ÖGD haben sollten.

Kommunikation und Qualifikation stärken
Im Anschluss der Workshops ergab sich ein erstes deutliches Bild der Themen, welche die Expert:innen als prioritär einschätzen: Kommunikation, Ausbildung bzw. Qualifizierung des Personals. Hiermit ergibt sich ein klarer Auftrag für beide Akademien, für diese Felder entsprechend neue Angebote zu schaffen.
Einige Themen, so etwa die Risiko- und Krisenkommunikation, befinden sich bereits im Portfolio der Aus-, Fort- und Weiterbildungen der AGÖW und werden künftig ausgebaut und vertieft angeboten.

Das Forum stellte den Startschuss für einen länger andauernden Prozess in der Umgestaltung des Krisenmanagements dar. Künftig werden weitere gemeinsame Veranstaltungen dazu dienen, diese Ergebnisse zu diskutieren und eine gemeinsame und abgestimmte Richtung für das Krisenmanagement im Gesundheitlichen Bevölkerungsschutz zu erstellen.


Emanuel Wiggerich