COVID-19-PANDEMIE - Beobachtungen eines Krisenmanagers -

Detlef Cwojdzinski analysiert die Coronakrise …

Die Covid-19-Erkrankung trat erstmals Ende Dezember 2019 in der Millionenstadt Wuhan auf. Der Ausbruch nahm im Januar 2020 in China Fahrt auf und breitete sich dann weltweit aus. Deutschland bestätigte am 28. Januar 2020 eine erste Infektion in Bayern. Dieser lokale Ausbruch wurde vom bayerischen Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) eingegrenzt und erzeugte vorerst ein Gefühl von Sicherheit.


HÄTTEN WIR ES WISSEN MÜSSEN?
Ab Ende Januar 2020 begann in Fachkreisen die Diskussion über das tatsächliche Risiko der neuen COVID-19-Erkrankung. Am 25. Februar 2020 bestätigte Baden-Württemberg den ersten Erkrankten. Die WHO rief am 11. März 2020 die Pandemie aus. Am 17. März änderte das Robert Koch-Institut die Gefährdungseinschätzung auf „hoch“. Damit nahm der Ausbruch in der Öffentlichkeit in Deutschland rasant an Fahrt auf. Am 22. März 2020 einigten sich Bund und Länder auf ein umfassendes Kontaktverbot. Danach wurden Zusammenkünfte und Ansammlungen in der Öffentlichkeit von mehr als zwei Personen untersagt. Aus Sicht des Krisenmanagements wäre es sinnvoll gewesen, ab Ende Januar 2020 bundesweit Vorbereitungsmaßnahmen zu koordinieren und Ende Februar 2020 den Krisenmodus auszurufen.

POLITISCHE VERANTWORTUNG VERSUS FACHLICHKEIT
Standard im Krisenmanagement ist, dass Entscheidungen nach objektiver Bewertung des Risikos getroffen werden. In den meisten Krisensituationen werden Entscheidungen der staatlichen Verwaltung und Politik in der Öffentlichkeit per se sehr kritisch betrachtet. Die ersten widersprechenden Entscheidungen in dieser Krise haben diese Regel bestätigt. Insofern war die Entscheidung des Bundesministeriums für Gesundheit, zum Beispiel den Wissenschaftler Prof. Dr. Christian Drosten, Virologe der Charité-Universitätsmedizin Berlin, als Fachberater in das Krisenmanagement einzubeziehen, eine der wichtigsten und richtigen Entscheidungen. Darüber hinaus gelang es dem öffentlichen Rundfunk durch offensive Kommunikation, insbesondere durch den NDR Info-Podcast mit Drosten „Wir können die Ausbreitung verlangsamen“, dass Fachlichkeit in der öffentlichen Wahrnehmung die Oberhand bekam.

STARKE FÜHRUNG MACHT EINDRUCK
Als erstes Bundesland löste Bayern den Katastrophenalarm aus. Ergänzend zum Infektionsschutzgesetz wurden so Eingriffsrechte freigegeben, die die Katastrophenhilfe durch Hilfsorganisationen und Verbände der Freien Wohlfahrtspflege sowie die Inanspruchnahme Dritter ermöglichten. Damit ging in Bayern die Führungsverantwortung für die Krise allerdings an das Innenressort. Andere Bundesländer sind diesen Schritt nicht gegangen, denn die Covid-19-Pandemie ist eine Gesundheitslage. Der ÖGD wurde seit vielen Jahre in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen und abgebaut, doch in dieser Krise hat der ÖGD gezeigt, dass er trotz aller Probleme noch immer stark ist, wenn er gebraucht wird.

„ÖGD KANN KRISE“
Ich beobachte seit einigen Jahren im ÖGD ein zunehmendes Interesse an dem Thema
Krisenmanagement. An der Akademie finden unsere entsprechenden Fortbildungsangebote
und unser Lehrbuch „Krisenmanagement“ als Open Access großen Anklang. In der Krise begleiten wir Kollegen/innen aus dem Gesundheitswesen mit einer Podcast-Serie, um erfolgreiche Praxisbeispiele zu zeigen (siehe Blickpunkt 2/2020, Seite 3).
Meine bisherige Lehre aus der Covid-19-Pandemie ist, dass der ÖGD auf allen Ebenen ein neues Verständnis für Krisenmanagement entwickelt. Das ist wichtig, da viele erfahrene Experten/innen diese Krise als einen Vorgeschmack auf die Herausforderungen durch die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesundheit bewerten. Für 2020 ist der nächste heiße Sommer angekündigt. Alte und chronisch kranke Menschen sowie die Städter in den Ballungsräumen werden – so wie in der Zeit der Pandemie auch – besonders davon betroffen sein. Und die Coronakrise ist noch lange nicht vorbei. Zumindest eine große Impfaktion steht noch bevor.


Detlef Cwojdzinski
Jahrzehntelang Krisenmanager im Öffentlichen
Gesundheitsdienst der Berliner Senatsverwaltung