BU: Die Teilnehmer:innen des Treffens der Großstadt-Gesundheitsämter (v. li.): Gastgeber Dr. Peter Tinnemann (Frankfurt) mit den Vertreter:innen aus Bremen, Dortmund, Hannover, Dresden, München, Essen und Köln

„Thema Klimakrise gemeinsam weiterführen“

Digitalisierung, Corona-Pandemie und Klimakrise – diese Themen stehen ganz oben auf der Agenda der Großstadt-Gesundheitsämter. Am 25. und 26. August haben sich die Leiter:innen in Frankfurt getroffen. Sie besprachen, mit welchen Maßnahmen sie auf die aktuellen und künftigen großen Herausforderungen für den Öffentlichen Gesundheitsdienst reagieren wollen.

 

Wir sprachen mit PD Dr. Peter Tinnemann, Leiter des Gesundheitsamts Frankfurt am Main, der das Treffen initiiert hat.


Warum ist ein solches Treffen sinnvoll?
Die Gesundheitsämter der Großstädte in Deutschland haben häufig besondere Herausforderungen, die kleine Gesundheitsämter in ländlichen Gegenden nicht haben. Dazu gehört zum Beispiel aktuell die Herausforderung durch Affenpocken, die viel häufiger in Großstädten auftreten, oder auch die Herausforderungen durch den internationalen Flugverkehr. In der Regel sind aber auch die großen Gesundheitsämter besser ausgestattet und können Probleme, die alle Amtsleitungen in Deutschland betreffen, manchmal vordenken.

Lag der Schwerpunkt auf der Analyse – oder ging es um konkrete Maßnahmen?
Wir hatten unterschiedliche Schwerpunkte. Das waren unter anderen die Digitalisierung und was die einzelnen Kolleg:innen in dem Bereich planen; und wie wir besser mit medizinischen Fakultäten zusammen forschen können. Zudem haben wir uns intensiv mit den Themen Klimakrise und Öffentliche Gesundheit beschäftigt. Angestoßen haben wir die wichtige Diskussion, was unsere Rolle als Gesundheitsämter in der Klimakrise ist. Dieses Thema wollen und müssen wir jetzt schnell gemeinsam weiterführen.

Welche konkreten Pläne wurden hierzu verabredet?
Wir haben uns verabredet, die geführte Diskussion im Nachgang zu analysieren, um dann zum Jahresende eine gemeinsame Strategie zu verabschieden. Deutlich geworden ist uns aber auch, dass es noch keine klaren gesetzlichen Vorgaben für uns in den Gesundheitsdienstgesetzen der Länder gibt, die uns konkrete Aufgaben zuweisen. Die in vielen Kommunen erarbeiteten Hitzeaktionspläne sind ein gutes Beispiel dafür, dass die Kolleg:innen vor Ort verstanden haben, dass gehandelt werden muss. Am Ende des Plans steht aber immer die Frage nach den Ressourcen, um den Plan umzusetzen. Hier brauchen wir noch Klarheit, wo die herkommen sollen.

Gibt es eine gemeinsame Linie bei der Digitalisierung? Was sind die größten Baustellen?
Die großen Themen sind, wie wir sicherstellen können, dass wir zukunftsfähig aufgestellt sind und wie die unterschiedlichen Schnittstellen zwischen den verschiedenen digitalen Anwendungen in den Gesundheitsämtern reibungslos funktionieren. Aus Frankfurt haben wir unsere Pläne bezüglich des Projekts „Einheitliche Software für die Gesundheitsämter in Hessen" vorgestellt. Unsere grundsätzliche Idee ist, eine modulare Open-Source-Datenbanklösung zu erarbeiten, mit der alle Kernprozesse eines Gesundheitsamts bearbeitet werden können. Diese Idee ist bei den Kolleg:innen auf großes Interesse gestoßen. Wir waren uns alle einig, dass in dem Bereich gerade ganz viel in unterschiedlichen Kommunen passiert und wie wichtig es ist, dass alle dazu in der Lage sein müssen, Daten miteinander auszutauschen. Ich glaube, da ist gerade eine technische Revolution im Gange, die unsere Arbeit in den nächsten zwei Jahren um Lichtjahre voranbringen wird.

Haben Sie auch das Thema Forschung aufgegriffen?
Uns allen ist in der Coronakrise nochmals klar geworden, dass wir im Öffentlichen Gesundheitsdienst künftig die richtigen Daten brauchen, um noch bessere und evidenzbasierte Entscheidungen zu treffen. Dazu benötigen wir nicht nur die Digitalisierung, sondern auch eine Zusammenarbeit mit den medizinischen Fakultäten auf Augenhöhe. Wir haben selbstbewusst festgestellt, dass die Gesundheitsämter jetzt nicht nur attraktiv für junge Ärztinnen und Ärzte geworden sind, sondern auch für Kolleginnen und Kollegen, die in der Forschung erfahren sind. Auch die medizinischen Fakultäten nehmen uns jetzt als wichtige Forschungspartner ernst. Jetzt müssen wir zeigen, dass wir Bevölkerungsmedizin nicht nur praktizieren können, sondern auch auf internationalem Niveau forschen können.

Wollen Sie sich weiter treffen? Wenn ja, in welcher Zusammensetzung und in welchem Rhythmus?
Das Treffen in Frankfurt war das erste persönliche Treffen seit Corona. Vorher haben die Treffen bereits seit Jahren regelmäßig stattgefunden. Wir wollen uns dieses Jahr noch einmal virtuell treffen. Für kommenden Februar hat uns Dr. Frank Renken nach Dortmund eingeladen.