Sommerakademie 2025 der AÖGW – „Diversität im ÖGD“

„Wir glauben, dass die Welt sich noch mal ändern wird…“ (© Die Toten Hosen „Wünsch dir was“) Gesundheit für alle. Aus Überzeugung! – dieses starke Motto stand über der diesjährigen Sommerakademie der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen (AÖGW) am 12. September in Düsseldorf. Warum ein diversitätssensibler Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD) nötig ist, was er leisten und vor allem, wie er aussehen kann, das beleuchteten die eingeladenen Referent:innen in ihren hochkarätigen Vorträgen aus verschiedenen Blickwinkeln.
Noch immer erleben Menschen mit unterschiedlichen sozialen Hintergründen, kulturellen Identitäten, körperlichen Merkmalen und Fähigkeiten strukturelle Benachteiligung. Ein Öffentlicher Gesundheitsdienst (ÖGD), der diversitätssensibel aufgestellt ist, kann dem entgegenwirken – durch inklusive Maßnahmen, kultursensible Kommunikation und partizipative Beteiligung. Mit Überzeugung handeln heißt, Hindernisse abbauen, Chancengerechtigkeit fördern und Vielfalt als Bereicherung verstehen.

Dagmar Starke und Kirsten Hasper hießen alle Anwesenden willkommen und luden ausdrücklich ein, die Ausstellung „Gegen das Vergessen“ zu besuchen. Bis zum 2. Oktober wird die Wanderausstellung im 2. Stock der Akademie für alle Interessierte offen sein, bevor sie zu einer neuen Lokation weiterzieht. Die Ausstellung will behördliche Gräueltaten, die während der NS-Diktatur in Hagen begangen wurden, dokumentieren und sichtbar machen.
„Genauer hinzuschauen, nicht alle gleich zu behandeln, sondern alle gerecht zu behandeln, das heißt in unterschiedlichen Lebenslagen, unterschiedliche Ressourcen und Hürden mit zu bedenken und abzubauen“, eröffnete der Vorsitzende des AÖGW-Kuratoriums Klaus Jahn das Thema der diesjährigen Sommerakademie. „Und diese Unterschiede sind nicht als Problem zu sehen, sondern als wichtige Information und Einladung, unsere Arbeit wirksamer und vor allen Dingen auch menschlicher zu gestalten. (…) Gerade in der Gesundheitsplanung (…) braucht es diese offene Haltung im Hinblick auf die verschiedensten Lebenssituationen und Lebenslagen, denn nur wer dies mitbedenkt, kann in der Planung von heute die Teilhabechancen von morgen verbessern,“ appellierte Jahn.
Peter Schäfer, Vorsitzender des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdiensts (BVÖGD), betrachtete „Diversität an der Schnittstelle von Gesundheitsamt und Jugendamt“. Schäfer leitet seit 2015 auch das Mannheimer Gesundheitsamt und seit 2017 das Jugendamt der Stadt. Beide Behörden arbeiten im Rahmen einer Fusion eng zusammen; eine, laut Schäfer, in Deutschland einzigartige Konstellation, die das sektorenübergreifende Arbeiten in der Mannheimer Stadtverwaltung befördere und insbesondere Entscheidungs- und Steuerungsprozesse beschleunige sowie den präventiven Ansatz beider Dienststellen stärke. Seiner Einschätzung nach sei die Kooperation zwischen Gesundheit und Jugendhilfe für die aktuellen und anstehenden gesellschaftlichen Probleme zwingend notwendig. Darüber hinaus sei „es grundsätzlich eine Haltungsfrage, wie man mit Diversität umgeht.“
Innere Haltung gründet sich auf ethische Werte. Ihre Überlegungen zu einem spezifischen Ethikkodex im ÖGD stellte Birte Pantenburg vor. Pantenburg arbeitet am Institut für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin & Public Health an der Universität Leipzig und im Leipziger Gesundheitsamt. In ihrem Vortrag ging sie unter anderem auf ein systemimmanentes Dilemma des ÖGD ein, der einerseits beratende und unterstützende Aufgaben übernimmt, andererseits aber auch reglementierendes Organ ist, beispielsweise bei der Umsetzung von Impfpflichten oder Quarantänemaßnahmen, sowie verpflichtet ist, spezielle Infektionsfälle weiteren Institutionen und Behörden zu melden. Vor dem Hintergrund dieser besonderen Doppelrolle des ÖGD sei es besonders wichtig, einen ethischen Diskurs im ÖGD zu etablieren. Ein Ethik-Kodex für den ÖGD solle laut Pantenburg daher idealerweise ethische Reflexionen im ÖGD anstoßen, für ethische Spannungsfelder im ÖGD sensibilisieren und einen Rahmen für ethisch reflektiertes Handeln bieten.
„Diversität als Thema der Essener Gesundheitskioske“ stellten Dogukan Orman vom Essener Gesundheitsamt und Nicole Ginter, Gesundheit für Essen gGmbH, vor. Sie berichteten von der Entstehungsgeschichte der Gesundheitskioske in Essen nach Schließung eines Krankenhauses im Essener Norden – eine Region, in der Menschen mit rund 140 verschiedenen Sprachen leben und sozioökonomische Faktoren die Inanspruchnahme medizinischer Leistungen einschränken.
Weitere Infos zu den Gesundheitskiosken und der medizinischen Versorgung in Essen unter www.essen.de/gesundheitswegweiser und www.gesundheitskiosk.ruhr
Nach der Mittagspause griff Nicole Rosenkötter, Referentin der AÖGW für Gesundheitsberichterstattung, den im Kontext Diversität ganz wesentlichen kommunikativen Aspekt auf: „Change the frame: Gesundheitliche Ungleichheit neu erzählen“, hieß ihr Vortrag. Als wissenschaftliche Kommunikatorin sei sie gewohnt, im Rahmen der Gesundheitsberichterstattung, statistische Ergebnisse möglichst neutral und unverzerrt wiederzugeben. Wie kann es gelingen, die statistisch belegten Fakten und Informationen beispielsweise zur sozioökonomischen Benachteiligung von Kindern und Menschen mit lebendigen Geschichten zu unterfüttern? – Allein schon, um politisch-populistischen Aussagen mit einem anderen Narrativ und empathischem Storytelling entgegenwirken oder gar vorbeugen zu können. „Wir brauchen Geschichten und Bilder, die hängen bleiben, ohne zu verfälschen. Nur dann hat faktenbasierte Aufklärung wirklich eine Chance“, zitierte Rosenkötter Dirk Brockmann von der TU Dresden aus einem Interview zu Kommunikation und Populismus.
Rosenkötter gab eine ganze Reihe von Empfehlungen zum sinnvollen Framing von Daten. Oft sei es auch ausreichend, eine starke Aussage auf wenige repräsentative Daten zu stützen, als aus wissenschaftlicher Sicht alle Daten vollständig zu anzugeben. So können Inhalte besser nachvollzogen werden.
Die Teilnehmenden der Sommerakademie nutzten die Gelegenheit und diskutierten ausgiebig mit den Referent:innen und gaben eigene Erfahrungen weiter. So gab die Sommerakademie eine Fülle wertvoller Impulse, Anregungen und unkonventioneller Gedanken für eine gerechtere Gesundheitszukunft durch den ÖGD mit auf den Weg.

