Rund 200 Teilnehmende beim Colloquium ÖGD Connect: Was bleibt, was kommt? – Vernetzung und Digitalisierung im ÖGD
Am 12. Juni fand das letzte Online-Kolloquium aus dem Projekt ÖGD Connect statt. An dem immer gut besuchten Veranstaltungsformat nahmen diesmal rund 200 Personen teil. Das Interesse war groß, denn auf der Agenda standen Impulsvorträge verschiedener Akteure und Akteurinnen, die für den Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) eine wichtige Rolle spielen. Sie skizzierten, welche Projekte aus dem ÖGD Pakt erfolgreich umgesetzt werden konnten und richteten den Blick in die Zukunft: Was bleibt und was kommt?

Aus dem Bundesgesundheitsministerium war Thomas Süptitz, Leiter des Referats 512 – Cybersicherheit, Interoperabilität und Datenkompatibilität, gekommen, aus dem Robert-Koch-Institut Jakob Schumacher, von der gematik Thomas Jenzen sowie Vertreter:innen aus dem EvalDiGe—Konsortium, die das Reifegrad Modell zur Digitalisierung im ÖGD erarbeitet hatten.
Perspektive des BMG
Im Pakt für den ÖGD standen insgesamt rund 800 Millionen Euro für Digitalisierungsprojekte zur Verfügung, so Thomas Süptitz. Hier seien 500 Projekte in akzeptabler Zeit sinnvoll umgesetzt worden, was mit harter Arbeit verbunden war. „Gelernt haben wir“, so Süptitz, „digitale Transformation ist nicht eine Frage der Technik, sondern eine Frage des Prozesses“. Er habe einen deutlichen Mentalitätswechsel wahrgenommen und dankte der AÖGW, die viele Veranstaltungen zur digitalen Entwicklung im ÖGD vorgestellt habe, und damit die digitale Transformation weitergebracht hätte. Er appellierte, die bereits jetzt aufgebauten Möglichkeiten zu nutzen. Aufholbedarf sehe er bei der IT-Sicherheit. Hier gelte es, Awareness zu schaffen, dass etwa auch der Mensch ein Einfallstor für Hackerangriffe sei. Auf technischer Seite biete die gematik einen guten Mehrwert mit Telematikinfrastruktur (TI), elektronischer Patientenakte (ePA) und der sicheren E-Mail-Kommunikation KIM (Kommunikation im Medizinwesen) – eine Funktionalität, die sicher sei. IT-Sicherheit sei neben Anschlussfähigkeit und Interoperabilität eines der zentralen Zukunftsthemen für einen digitalen ÖGD.
Gematik sieht Digitalisierungspotenzial im ÖGD
Thomas Jenzen ist bei der gematik zuständig für den ÖGD. Er stellte Anwendungen der TI für den ÖGD vor, zum Beispiel KIM. Rund 217.349 KIM-Adressen seien insgesamt vergeben worden, allerdings erst an 48 von den 376 Gesundheitsämtern. Hier sehe er Nachholbedarf, die Gesundheitsämter seien jedoch auf einem guten Weg, so Jenzen. Insgesamt sei die Nachfrage zur TI-Anbindung im Gesundheitsamt seit Jahresbeginn erhöht. Das Digitalisierungspotenzial im ÖGD sei jedenfalls noch lange nicht ausgeschöpft.
Eine gesetzliche Verpflichtung für die Gesundheitsämter, die TI zu verwenden, sei „konkret nicht geplant“ bestätigte Thomas Süptitz auf Nachfrage: „Augenblicklich bleibt es bei der Freiwilligkeit aus Bundessicht.“
Konkrete Informationen rund um die Telematikinfrastruktur und ihre Anwendungen im ÖGD, die Vorstellung von Showcases und Produkten, Diskussion von Anwendungsfällen sowie fachliche Beiträge der Teilnehmenden biete auch die gemeinsam mit der AÖGW veranstaltete Online-Reihe ÖGD@TI. Sie wende sich an Gesundheitsämter, Länder, Kommunen, Fachverfahrenshersteller:innen, T-Anbietende und Verbände.
Digitale Reife im Aufwärtstrend
Die Gesundheitsämter haben ihre „Digitale Reife“ in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert. Das zeigten die Ergebnisse der Reifegradprüfung in den Gesundheitsämtern, die Melina Schreiter und Nick Heidmann vom EvalDiGe-Konsortium in ihrem Rückblick vorstellten. Alle Gesundheitsämter hatten an den vier Erhebungswellen zur Digitalen Reife teilgenommen.
Insbesondere im Bereich IT-Kompetenz haben die Gesundheitsämter aufgeholt und entsprechendes Personal eingestellt. In den Dimensionen Digitalisierungsstrategien und IT-Bereitstellung konnte ebenfalls ein deutlicher Aufwärtstrend festgestellt werden, und auch arbeitsintensivere Bereiche wie Prozessdigitalisierung holten in der letzten Erhebung auf.
2026 sollen die Projektergebnisse gesammelt und weiter aufbereitet werden mit dem Ziel, wiederverwendbare und länderübergreifend einsetzbare Dokumente und Prozesse bereitzustellen.
Als Vision formulierten Melina Schreiter (Fraunhofer Institut) und Nick Heidmann (TU Dresden) die Weiterentwicklung des Reifegradmodells zu einem nutzerfreundlichem Managementtool, mit dem die Gesundheitsämter noch einfacher ihre Digitalisierung steuern und organisieren können.
EMIGA-Projekt RKI
Jakob Schumacher vom RKI ging auf den Stand der Dinge beim EMIGA-Projekt ein. Das Elektronische Melde- und Informationssystem für Gesundheitsämter wird aktuell im Auftrag des BMG am RKI entwickelt, um Gesundheitsämter im Bereich Infektionsschutz zu entlasten. Auch wenn die Förderung des EMIGA-Projekts über den ÖGD-Pakt Ende 2026 ausläuft, sei das RKI um weitere Finanzierung bemüht. Eine finale Entscheidung stehe allerdings noch aus. Das RKI werde darüber informieren, sobald hier Klarheit bezüglich der Weiterfinanzierung bestehe.
ÖGD Connect Projekt auf der Zielgrade
Das ÖGD Connect-Projekt-Team der AÖGW, das auch das Colloquium-Format entwickelt hat, gab ein einen Rückblick auf die Projektarbeit der letzten beiden Jahre, in der es fünf verschiedene Kommunikations- und Austauschformate mit jeweils unterschiedlichen Konzepten entwickelt hat. An den insgesamt 67 Veranstaltungen hatten rund 5.000 Interessierte teilgenommen. „Ein großer Dank an alle, die intensiv bei den vielen Veranstaltungen und Events mitgemacht haben und damit entscheidend zum Erfolg und Gelingen beigetragen haben“, sagte Josefina Lehner, die das Projekt koordiniert.
Was bleibt vom Projekt ÖGD Connect?
„Wir bemühen uns, dass auch nach Projektende im August die persönlichen Kontakte und Netzwerke weiter gepflegt werden,“ so Josefina Lehner. Ein gutes Beispiel dafür sei der „Digitreff“, ein seit Jahren etablierter und gut genutztes niedrigschwelliges Online-Meeting, bei dem sich Vertreter:innen der Gesundheitsämter zu Digitalisierungsthemen austauschen können. Der Digitreff wird voraussichtlich nach Projekt-Abschluss vom Gesundheitsamt Düsseldorf weiter moderiert. „Details kommen über die üblichen Kommunikationskanäle“, so Jessica Paul-Mesch, Referentin ÖGD Connect.
Auch stünden die im Projekt entstandenen E-Learnings zu Digitalisierungsthemen weiterhin über die Moodle-Plattform der Akademie zur Verfügung.
Eine weitere Veranstaltung des ÖGD Connect-Teams ist Kommunal Connect in Darmstadt am 25. Juni. Auch diese Veranstaltung wird die letzte der Reihe sein. Nachdem sie bereits in Berlin, Hamburg und Düsseldorf Station gemacht hat, ist Darmstadt die vierte und letzte Station dieses Formats und richtet sich vor allem an Interessenten aus den eher südlich gelegenen Bundesländern.
Schließlich gab Frank Naundorf, Leiter des Teams Digitalisierung und Kommunikation der AÖGW, einen kurzen Rückblick auf Akademie-Projekte aus dem Pakt für den ÖGD, darunter „Digitale Kompetenzen“. An den in diesem Rahmen angebotenen Modulveranstaltungen nahmen insgesamt über 6.500 Interessierte teil, darunter viele aus den Nichtträgerländern der Akademie, z. B. Bayern und Baden-Württemberg.
Auch über das Ende des Pakts hinaus ist es gelungen, verschiedene Angebote zu verstetigen oder sogar auszubauen. Bemerkenswert sind hier etwa die Kooperationen der Akademie mit verschiedenen Bundesländern und Gesundheitsämtern zur Entwicklung von E-Learnings im Bereich Digitalisierung. Themenschwerpunkte sind hier Datenschutz, KI und Telematikinfrastruktur. Bis Ende des Jahres werden es 33 E-Learnings sein.
Viele Online-Kurse sind bereits fertiggestellt, darunter der „Phishing-Detective“ sowie verschiedene Kurse zu Cyber Security, KI und Datenschutz. Weitere E-Learnings sind in der Pipeline.
In Kooperation mit dem Gesundheitsamt Düsseldorf wird auch die Lunch&Learn-KI-Reihe der AÖGW ab September 2026 weiterlaufen. Alle Infos dazu auf der Website der Akademie.
Welche Themen die Akademie 2027 aufgreifen sollte, konnten die Teilnehmenden in einer Mentimeter-Umfrage nennen. Künstliche Intelligenz (KI), Wissens- und Prozessmanagement, Telematikinfrastruktur (TI) und Robotic Process Automation (RPA) wurden am häufigsten gewünscht.
Das Projekt ÖGD Connect ist Teil des BMG-Förderschwerpunkts „Förderung von Maßnahmen zur Steigerung und Weiterentwicklung des digitalen Reifegrades des öffentlichen Gesundheitsdienstes in Deutschland“ und angesiedelt bei der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen. Es wird finanziert von der Europäischen Union – NextGenerationEU.


