Sommerakademie 2026: Fünf Gänge, viele Fragen und immer wieder ein „Ja, aber“

Bei der Sommerakademie der Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen (AÖGW) kamen rund 90 Teilnehmende zusammen, um über Künstliche Intelligenz (KI) zu sprechen. Schnell wurde deutlich: KI bietet viele Möglichkeiten, sie wirft aber ebenso viele Fragen auf.

Das Bild zeigt einen Vortrag auf der Sommerakademie 2026
AÖGW

KI kann uns Arbeit abnehmen. Aber was ist mit dem Datenschutz? KI kann riesige Mengen an Informationen durchsuchen. Aber woher wissen wir, dass die Antwort stimmt? Und wenn KI dabei helfen kann, knappe Ressourcen effizienter einzusetzen: Ist es ethisch vertretbar, dass sie selbst große Mengen an Energie benötigt?

Mit diesen Spannungsfeldern beschäftigte sich die diesjährige Sommerakademie der AÖGW in Düsseldorf. Expert:innen aus dem Gesundheitswesen sprachen über den Stand der KI-Nutzung, mögliche Einsatzgebiete im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) und erste Erfahrungen. Dabei wurde deutlich, dass es bei KI selten einfache Antworten gibt. Und so brachten zwei kleine Wörter – „Ja, aber“ – an diesem Tag vieles auf den Punkt.

Frank Naundorf, Leiter des Teams Digitales und Kommunikation der AÖGW, hatte die Veranstaltung als „Fünf-Gänge-Menü“ konzipiert: Keynote, Praxisimpulse, Podiumsdiskussion, Workshops und ein abschließender Vortrag. Außerdem konnten die Teilnehmenden eine lokale KI ausprobieren und Einblicke in E-Learnings der AÖGW erhalten.

Gang eins: Der Blick auf den aktuellen Stand

Dass KI im ÖGD keine Zukunftsmusik mehr ist, machte Nick Heidmann von der Technischen Universität Dresden deutlich. In seiner Keynote stellte er erste Ergebnisse einer von ihm verantworteten Umfrage zur KI-Nutzung im ÖGD vor. Demnach nutzen 94 Prozent der Befragten KI regelmäßig – am häufigsten für Textarbeit. Rund ein Drittel der Nutzer:innen gibt dabei auch tendenziell sensible Daten ein. Gleichzeitig wünschen sich 82 Prozent geprüfte Anwendungen. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob KI genutzt wird, sondern wie.

Gang zwei: Beispiele aus der Praxis

Wie das konkret aussehen kann, zeigten vier Praxisimpulse. Im Gesundheitsamt Düsseldorf wird an einem RAG-Bot – einem KI-gestützten Assistenten – gearbeitet, der Gesetze, Dokumente und andere Informationen schneller zugänglich machen soll. In Baden-Württemberg entsteht eine KI für die Begutachtung mit ausschließlich kuratierten Daten, die perspektivisch in das Fachverfahren ÖGDigital integriert wird. Im Sozialpsychiatrischen Dienst des Berliner Gesundheitsamts Charlottenburg-Wilmersdorf wird KI unter anderem bei der Suche nach dem richtigen ICF-Code erprobt, also der passenden Klassifikation von Beeinträchtigungen und Funktionsfähigkeit. Und im Ennepe-Ruhr-Kreis ist ein Chatbot für die Bürger:innen-Kommunikation geplant. Diese Anwendungen sind zwar noch Prototypen, sie geben aber bereits einen guten Eindruck davon, was im ÖGD möglich ist.

Gang drei: Die Diskussion

Wie weit der ÖGD bei KI tatsächlich ist, diskutierten auf dem Podium Dr. Luis Haberstock (Gesundheitsamts Augsburg Land), Dr. Sascha Jatzkowski (Landesamt für Arbeitsschutz, Verbraucherschutz und Gesundheit Brandenburg), Melina Schreiter (Fraunhofer-Institut für Angewandte Informationstechnik FIT) und Christian Möller (Stadt Hamm) – moderiert von Frank Naundorf.

Die Podiumsgäste waren sich weitestgehend einig, dass der Einsatz von KI im ÖGD noch am Anfang stehe. Noch werde viel ausprobiert und experimentiert. Zugleich zeichne sich ab, dass KI zunehmend zum Normalfall werde. Was jedoch vor allem fehle, seien sichere Anwendungen, die zu den Abläufen im ÖGD passen und ohne Medienbrüche funktionieren. Eine Botschaft der Diskussion war aber auch: Irgendwann müsse man anfangen. Luis Haberstock plädierte dafür, auch dann loszulegen, wenn es am Anfang noch etwas ruckelt. Sascha Jatzkowski verglich den Einsatz von KI im Arbeitsalltag  mit dem Schwimmenlernen: Man könne zwar erst alles darüber lesen, irgendwann müsse man aber ins Wasser springen. Für ihn gehöre deshalb dazu, Ungewissheiten auszuhalten und Verantwortung zu übernehmen.

Gang vier: Vom Zuhören zum Mitdiskutieren

In drei Workshops wurde es anschließend ganz konkret. In einem Workshop sammelten die Teilnehmer:innen mögliche Einsatzgebiete der KI – wie Bürger:innen-Kommunikation, Meeting-Protokolle, Archivierung, Spracherkennung und Textarbeit.

In einem weiteren Workshop ging es um die Implementierung in der Praxis. Dabei kamen eine ganze Reihe an Fragen auf: etwa, wer bei Fehlentscheidungen haftet, was passiert, wenn die KI ausfällt, und wie alle Mitarbeitenden gleichermaßen vom Einsatz der KI profitieren können.

Im dritten Workshop wurde intensiv über Datenschutz, Ethik und Verantwortung diskutiert. Darf eine KI mit großen Datenmengen arbeiten? Wo liegen die ethischen und datenschutzrechtlichen Grenzen? Ist der hohe Energieverbrauch vertretbar? Und verlieren wir durch den zunehmenden Einsatz von KI vielleicht ein Stück unserer Menschlichkeit? Eindeutige Antworten gab es selten, stattdessen immer wieder das „Ja, aber“. Besonders deutlich wurde das bei der Diskussion über den Einsatz von KI bei der Triage. Natürlich solle ein Mensch über die Behandlung von Menschen entscheiden. Aber: Wenn eine KI dabei helfen könne, Verletzte mit Überlebenschancen zu identifizieren, könnte sie Ärzt:innen unterstützen und vielleicht sogar Leben retten.

Gang fünf: Sichere Angebote statt Schatten-IT

Zum Abschluss rückte Dr. Max Skorning, ehemaliger Leiter des Gesundheitsamts Düsseldorf und aktuell Senior Medical Advisor bei der Clinomic Group, das Thema Schatten-IT in den Mittelpunkt. Er verwies auf eine Befragung von Doctolib, der zufolge 50 Prozent der Ärzt:innen private KI für dienstliche Zwecke nutzten. Skorning ist überzeugt, dass sich mit Verboten daran wenig ändern dürfte. Was hingegen funktioniere, sei ein besseres Angebot. Für ihn sei Schatten-IT nämlich vor allem ein Signal für einen ungedeckten Bedarf. Und der dürfte sogar wachsen. Denn die Anforderungen steigen und die Ressourcen werden knapper. KI kann dabei helfen – wenn die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören Datenschutz, Hosting in der Europäischen Union, klare Rollen und Rechte sowie Antworten, deren Quellen nachvollziehbar sind.

Das „Ja, aber“ bleibt

Prof’in Dagmar Starke, kommissarische Leiterin der AÖGW, brachte den Tag am Ende treffend auf den Punkt: „Es war ein toller Tag mit spannenden Erkenntnissen und schönen Diskussionen.“ Sie hoffe, dass alle weiter im Gespräch bleiben. Mit KI werde man ohnehin nie ganz fertig sein.

Und vielleicht muss man das auch gar nicht. Denn wo sich Möglichkeiten und Fragen ständig weiterentwickeln, braucht es weniger fertige Antworten als die Bereitschaft, auszuprobieren, kritisch zu hinterfragen und dazuzulernen. Das „Ja, aber“ wäre dann kein Zeichen von Skepsis, sondern von verantwortungsvollem Umgang mit KI.