Blickpunkt

Montag, 24.04.2017

Qualifizierung Sozialmedizinischer Assistentinnen im Vergleich

Derzeit gibt es in Deutschland unterschiedliche Konzepte für eine weitere Qualifizierung im Gesundheits- und Sozialbereich.

Neben der Ausbildung zur Sozialmedizinischen Assistentin und zum Sozialmedizinischen Assistenten gibt es Qualifizierungsmaßnahmen für examinierte Gesundheits- und Kinder-/Krankenpflegekräfte zu Schulgesundheitsfachkräften – auch Schulgesundheitsschwestern (SGS) genannt – und die Qualifizierung von Familienhebammen und Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/innen im Rahmen der Bundesinitiative Frühe Hilfen. All diesen Qualifizierungsmaßnahmen ist gleich, dass sie denselben Adressaten/-innen-Kreis ansprechen, allerdings unterscheiden sich die verschiedenen Qualifizierungsangebote in Länge, Intensität und thematischer Breite.

Vulnerable Bevölkerungsgruppen weisen unterschiedliche Bedarfe auf, denen es auf differenzierte Art zu begegnen gilt. Dabei ist der Öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) ein zentraler Akteur und mit dem Qualifizierungsangebot zum/zur Sozialmedizinischen Assistenten/in bereits seit langem auf dem Markt. Zusätzlich dazu wurden weitere Lösungsansätze entwickelt, die dazu geführt haben, bestehende Berufsbilder mit spezifischen Kompetenzen für die Bedarfe einzelner Gruppen auszustatten.

Meiner Meinung nach ist es an der Zeit, die Aufgaben und Kompetenzen der zum Teil neu entstandenen Berufsbilder, und insbesondere deren Qualifizierungen, miteinander zu vergleichen, um besser zu verstehen, wo Unterschiede bestehen.

Sozialmedizinische(r) Assistent/in
In den beiden Akademien für Öffentliches Gesundheitswesen in Düsseldorf und München wird die theoretische Ausbildung zum/zur Sozialmedizinischen Assistenten/in angeboten. Die für NRW geltende Ausbildungs- und Prüfungsordnung (APO-SMA vom 14.4.2015) richtet sich an Gesundheits-, und Kinder-/Krankenpfleger/innen, Hebammen, Entbindungspfleger oder gleichwertige Ausbildungen. Ihr Einsatzgebiet ist im ÖGD in verschiedenen Fachgebieten und reicht von Gesundheitshilfen, Gesundheitsförderung, Kinder-und Jugendgesundheitsdienst über Epidemiologie und Infektionsschutz bis zum Amtsärztlichen Dienst.

Die Kreise und kreisfreien Städte sind die ausbildenden Behörden. Angehende Sozialmedizinische Assistenten/innen ab solvieren insgesamt acht Monate Praktikum, davon drei im ÖGD selbst, jeweils anderthalb Monate in einem Fachkrankenhaus für Psychiatrie oder einer psychiatrischen Fachabteilung eines Krankenhauses, sowie zwei Monate in einem Kinderkrankenhaus, einer pädiatrischen Fachabteilung oder einer Fachabteilung für Innere Medizin eines Krankenhauses.
Die ausbildende Behörde entscheidet darüber, ob vorangegangene professionelle Erfahrungen auf die Praktikumszeiten anerkannt werden. Neben den acht Monaten Praktika absolvieren die zukünftigen SMA eine theoretische Ausbildung von 420 Stunden Umfang. Dabei werden verschiedene Inhalte abgebildet (siehe tabellarische Gegenüberstellung der Ausbildungen SMA, Schulgesundheitsfachkräfte und Familienhebammen auf der Website der Akademie unter: www.akademieoegw.de/blickpunkt).

Schulgesundheitsfachkräfte
Die Qualifizierung der Schulgesundheitsfachkräfte (SGF) orientiert sich inhaltlich an dem Aufgabenspektrum der „school health professionals“ nach Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation von 2014 (vgl. AWO Bezirksverband Potsdam e.V. 2016) und wird zurzeit im Rahmen des Projektes „Einführung von Schulgesundheitsfachkräften an öffentlichen Schulen in den Bundesländern Brandenburg und Hessen“ etabliert.

Hintergrund des Projektes ist, dass die Schulen aufgrund von „Ganztagsangeboten, Bestrebungen zu inklusiven Bildungsangeboten und zur Förderung gesundheitlicher und bildungsbezogener Chancengleichheit“ vor großen Herausforderungen stehen. Ziel ist es, dazu beizutragen, in deutschen Schulen ein „niedrigschwelliges aufsuchendes System der kinder- und jugendorientierten Gesundheitsförderung und Gesundheitsversorgung“ aufzubauen (vgl. AWO Bezirksverband Potsdam e.V. 2016).

Die Qualifizierung ist dabei modular aufgebaut und versteht sich an der Schnittstelle zwischen Gesundheit und Bildung. Die Aufgabenbereiche der SGF umfassen (AWO Bezirksverband Potsdam e.V. 2016, 14):

1. Gesundheitliche Versorgung (30%)
2. Gesundheitsförderung und Prävention (20%)
3. Früherkennung (20%)
4. Unterstützung von Kindern und Jugendlichen mit chronischen Erkrankungen/Behinderungen bzw.
    nach längerer krankheitsbedingter Abwesenheit von der Schule (15%)
5. Ansprech- und Vertrauensperson für Schüler(innen) mit gesundheitlichen Auffälligkeiten (15%)
6. Interdisziplinäre außerschulische Kooperation (inklusiver Bestandteil der Bereiche 1-5).

Die im Curriculum formulierten Fach- und Methodenkompetenzen haben einen beträchtlichen Umfang. Diese Kompetenzen werden in 800 theoretischen Unterrichtseinheiten (davon 664 als Präsenzzeit und 136 in Form von selbstreguliertem Lernen), untergliedert in neun Module, sowie 850 Stunden angeleiteter Praxis erworben. Erfahrungen aus anderen Weiterbildungsmaßnahmen können ggf. angerechnet werden. Eine vorangegangene Ausbildung zur/zum Sozialmedizinischen Assistenten/in ist dabei nicht aufgeführt, gleichwohl es wünschenswert und vorstellbar wäre, dass die entsprechende theoretische Ausbildung angerechnet wird.

Ein praktischer Teil ist in jedem Fall zu absolvieren, ebenso wie Leistungsnachweise und die Abschlussprüfung.  Die in den Modulen zu vermittelnden Inhalte sind der Synopse zu entnehmen (siehe auf der Website der Akademie unter: www.akademie-oegw.de/blickpunkt).

Familienhebammen und Familien-Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/innen
Eine weitere Maßnahme betrifft die Qualifizierung von Familienhebammen und Familien-, Gesundheits- und Kinderkrankenpfleger/innen im Rahmen der Bundesinitiative Frühe Hilfen.

Der Stundenumfang dieser Qualifizierungsmaßnahme sieht mindestens 270 Unterrichtseinheiten vor, davon 210 mit den Inhalten aus einem verbindlichen Themenkatalog sowie 60 Stunden zur freien länderspezifischen Ausgestaltung. 60 Prozent sind als Präsenzzeit vorgesehen, die übrigen Zeiten sind online oder durch Selbstlernphasen zu absolvieren. Die Themenbereiche umfassen das Tätigkeitsfeld, ressourcenorientierte Arbeit mit Familien, Gesprächsführung, Stärkung elterlicher Kompetenzen, Kindesentwicklung, Begleitung familialer Interaktionen, Lebenswelt Familie, Umgang mit Hinweisen auf Kindeswohlgefährdung, Qualitätsmanagement und psychische Belastungen von Familien.

Die Abschlüsse werden von den Bundesländern jeweils gegenseitig anerkannt. Über eine weitergehende Anerkennung in Bezug auf andere Qualifizierungsmaßnahmen, wie etwa die SMA oder die SGF, liegen keine Informationen vor. Die entsprechenden Inhalte sind in der Synopse aufgeführt.

Bei der Betrachtung der Gegenüberstellung der unterschiedlichen Inhalte einzelner Qualifizierungsmaßnahmen ist zu erkennen, dass es zum Teil deutliche Schnittmengen gibt, die zumindest eine partielle Anerkennung der jeweiligen Qualifizierung/Weiterbildung nahelegen würden. Gleichzeitig zeigen sich Unterschiede in der Schwerpunktsetzung der einzelnen Maßnahmen.
Für die Zukunft ist die Erstellung eines Kompetenzenorientierten Curriculums für die Ausbildung zur/zum Sozialmedizinischen Assistenten/in erstrebenswert, um die Chancen auf eine – zumindest teilweise – Anerkennung der Inhalte zu erhöhen.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass vor dem Hintergrund eingeschränkter finanzieller und personeller Ressourcen, sich drei unterschiedliche Berufsbilder entwickelt haben, zwischen denen bereits viele Überschneidungen bestehen.

Um zukünftig Qualifizierungsmaßnahmen und praktische Tätigkeiten der unterschiedlichen Berufsfelder besser zu harmonisieren und auch Kolleginnen und Kollegen breiter und an anderen Orten einsetzen zu können, wäre es zu begrüßen, wenn die Ausbildungen besser aufeinander abgestimmt wären, bzw. wenn wenigstens Inhalte untereinander anerkannt werden würden.

Visionär wäre es, wenn bereits vorhandene, und auch zukünftige, Qualifizierungsmaßnahmen auf den bestehenden Angeboten aufgebaut würden, um bundesweit Einheitlichkeit in den Angeboten – und somit auch den Berufschancen für die Kolleginnen und Kollegen – zu erreichen.
Dagmar Starke

Die tabellarische Gegenüberstellung der Ausbildungen von Sozialmedizinischen Assistenten/-innen, Schulgesundheitsfachkräften und Familienhebammen stehen Ihnen hier zur Verfügung.

 
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