Blickpunkt

Montag, 13.02.2017

Bis an die Grenzen der Handlungsfähigkeit

Geringe Bezahlung, wenig Wertschätzung, kaum Präsenz in der Ärzteschaft: Der ÖGD kämpft seit Jahren für mehr Nachwuchs und eine bessere öffentliche Wahrnehmung.

(aus dem Schleswig-Holsteinisches Ärzteblatt 01/2017, Seite 6-9)

Schon mehrfach hat sich die Gesundheitsministerkonferenz mit dem Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) beschäftigt. In diesem Sommer fasste die Versammlung der Gesundheitsminister und -senatoren erneut einen Beschluss, um die „unverzichtbare Rolle des ÖGD im Gesundheitswesen“ zu stärken. Den politischen Absichtserklärungen müssen nun Taten auf der kommunalen Ebene folgen, denn der ÖGD ringt schon seit Jahren um Nachwuchs. Vakante Stellen können zum Teil Jahre nicht besetzt werden, weil sich keine geeigneten Bewerber finden. Die Situation ist inzwischen schon so prekär, dass sich die Gesundheitsämter gegenseitig kompetentes Personal abwerben, weil die Aufgabenbereiche beständig zunehmen und kaum noch mit vorhandenen Ressourcen gestemmt werden können. „Das nützt uns aber nichts, weil wir als Kommunen gemeinsam stark sein müssen für Schleswig-Holstein. Wir brauchen neue Leute von außen“, fasst Dr. Sylvia Hakimpour-Zern, Leiterin des Fachdienstes Sozialpsychiatrie am Gesundheitsamt Segeberg, das Problem zusammen. Die zweite Vorsitzende ihres Berufsverbandes in Schleswig-Holstein beklagt die mangelnde Aufklärung über das vielseitige Tätigkeitsfeld, das Ärzte im ÖGD vorfinden. Denn neben stationärer und ambulanter Versorgung spielt die dritte Säule des öffentlichen Gesundheitswesens in Studium und Weiterbildung bei den jungen Ärzten keine Rolle. Dabei bietet die Arbeit im Gesundheitsamt viele positive Aspekte: Flexible Arbeitszeiten, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf erlauben, kollegiale Zusammenarbeit auch über das eigene Fachgebiet hinaus und ein breites Aufgabenspektrum, in dem man selbst Schwerpunkte setzen kann, sind einige der Argumente, die für den amtsärztlichen Dienst sprechen. Gleichzeitig muss man sich auch mit der Arbeit in einer Verwaltung anfreunden können und profitiert von einigen Jahren Berufserfahrung. Das Schleswig-Holsteinische Ärzteblatt hat mit Ärzten und Verantwortlichen in schleswig-holsteinischen Gesundheitsämtern darüber gesprochen, welche Probleme akut auf den ÖGD zukommen, welche Lösungsansätze vielversprechend sind und wie sie mehr Kollegen für ihre abwechslungsreiche Arbeit begeistern wollen.


„Wir bluten fachlich aus“

Schon seit Jahren hat der ÖGD mit Nachwuchssorgen zu kämpfen – neben Klinik und Praxis hat kaum ein Arzt die dritte Säule des Gesundheitswesens auf dem Schirm. Dabei bietet die amtsärztliche Tätigkeit viele Vorteile.

Eine unverzichtbare Rolle im Gesundheitswesen, die sich vom Gesundheitsschutz der Bevölkerung, der Gesundheitsförderung und Gesundheitsvorsorge bis zur Mitgestaltung und Mitwirkung bei der Gesundheitsversorgung erstreckt: Alle diese Eigenschaften werden dem Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) im Begleitschreiben zum Beschluss der 89. Gesundheitsministerkonferenz (GMK) im Juni in Rostock zugeschrieben. Die Gesundheitsminister und -senatoren aller 16 Bundesländer wollen damit der wachsenden Bedeutung des ÖGD Rechnung tragen, der gleichzeitig an chronischem Nachwuchsmangel leidet. 14 Punkte (s. Kasten) sind es, in denen u. a. die stärkere Verbindung des ÖGD mit der Wissenschaft durch Themenschwerpunkte in der medizinischen Aus- und Weiterbildung und eine arztspezifische tarifliche Besoldung für die Ärzte im ÖGD gefordert wird.

„Das Papier der GMK ist gut gefasst. Aber: Es ist ein zahnloser Papiertiger, wenn nicht auf der kommunalen Ebene darauf eingewirkt wird, dass die Forderungen auch durchgesetzt werden", meint Dr. Sylvia Hakimpour-Zern, Leiterin des Fachdienstes Sozialpsychiatrie im Kreis Segeberg. Schon seit Jahren beklagt die 2. Vorsitzende des Landesverbandes in Schleswig-Holstein den Nachwuchsmangel in ihrem Berufsfeld, der bundesweit ein Problem ist. „Wir haben 155 Ärztinnen und Ärzte in Gesundheitsämtern in Schleswig-Holstein. Davon sind 57 Vollzeitkräfte und 98 Teilzeitkräfte. Wenn man das mit 2014 vergleicht, sind wir weniger Vollzeit- und mehr Teilzeitkräfte geworden. Das ist die Tendenz, die man sieht: Es gibt immer weniger Vollblut-ÖGDler, die sich mit Haut und Haaren dem ÖGD verschreiben. Gerade in den letzten Monaten sind unheimlich viele Vollzeitkräfte gegangen. Ich glaube, es herrscht eine große Unzufriedenheit, weil viele das Gefühl haben, dass man zu wenig Wertschätzung und ein geringes Gehalt bekommt.“ Sie selbst habe das Glück in einem Kreis zu arbeiten, der sie und ihre Kollegen wertschätzt, aber Hakimpour-Zern würde sich wünschen, dass alle Kreise und Städte eine gleich gute Bezahlung anböten: „Dann hätten wir nicht mehr diesen Verschiebebahnhof“. Hamburg führt sie als positives Beispiel an. Dort gibt es eine Anlehnung an den Tarif der Universitätskliniken. „Und schon bewegt sich da mehr.“ Aktuell führen die guten Bedingungen im Kreis Segeberg dazu, dass sich Amtsärzte aus den Nachbarkreisen bewerben. „Das nützt uns aber nichts, weil wir als Kommunen gemeinsam stark sein müssen für Schleswig-Holstein.Wir brauchen neue Leute von außen.“ Doch diese zu bekommen, ist nicht so einfach. Diese Erfahrung macht man auch in Rendsburg, wo seit 1. Dezember nach nur kurzer Dienstzeit erneut die Stelle der Leitung des Gesundheitsamtes vakant ist. „Die Amtsinhaberin geht wieder in die Patientenversorgung. Sie hat nur kurz hier gearbeitet. Aktuell ist auch eine halbe Stelle im amtsärztlichen Dienst schon länger nicht besetzt. Sie wird gerade wieder ausgeschrieben. Außerdem hat uns die Politik eine weitere halbe Stelle zugebiligt, um die Aufgaben erledigen zu können, die im Zusammenhang mit dem Zuzug von Flüchtlingen auf uns zukommen. Das bedeutet, wir haben zwei Vollzeit-Arztstellen zu besetzen", schildert Susanne Jeske-Paasch, Leiterin des Fachbereiches Soziales, Arbeit und Gesundheit in der Kreisverwaltung Rendsburg. In den nächsten Jahren werden weitere Ärzte altersbedingt aus dem Dienst ausscheiden. „Wir haben latent die Nachwuchssorgen im Kopf und stellen fest, dass wir zwar Stellenausschreibungen veröffentlichen können, aber keine geeigneten Bewerber finden. Wir haben festgestellt, dass Ärzte, die aus dem Klinikalltag fliehen, nicht wirklich in den öffentlichen Gesundheitsdienst wollen."

An der Westküste sieht es nicht anders aus. Die Leiterin des Gesundheitsamtes Husum, Dr. Antje Petersen, ist selbst schon von einem Headhunter eines anderen Gesundheitsamtes kontaktiert worden. „Der Markt ist einfach leergefegt. Seit fast drei Jahren ist unsere Psychiater-Stelle vakant. Auch nach mehrfachen Ausschreibungen hat sich kein ernsthafter Bewerber gefunden. Mein Stellvertreter ist seit Juli im Ruhestand und auch da haben wir noch keinen Ersatz gefunden. Aktuell haben wir eine Beamtin aus einem anderen Bundesland als Bewerberin. Das Bewerbungsprozedere hat aber gezeigt, dass es für Beamte aufgrund diverser Formalitäten sehr schwer ist, das Bundesland zu wechseln.“ Glücklicherweise hat es in diesem Fall nach Redaktionsschluss geklappt: Die Bewerberin kommt im nächsten Jahr nach Husum. Neben den Psychiatern sind insbesondere Kinderärzte und Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie schwer nach zu besetzen. „Wir haben hier kaum Krankenhäuser, die Pädiater ausbilden. Für Schuleingangsuntersuchungen brauchen wir sie aber eigentlich“, so Petersen.

Eine Ärztin, die sich gerade in den Bereich der Schuleingangsuntersuchungen einarbeitet und erst kürzlich den Schritt in das Gesundheitsamt gewagt hat, ist Gabriele Seidel.

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