Blickpunkt

Mittwoch, 22.02.2017

Gemeinsam reden, gemeinsam planen, gemeinsam handeln?!

Im Bereich der Frühen Hilfen sind Fachkräfte aus unterschiedlichen Arbeitsfeldern, Professionen und Disziplinen tätig. Dadurch kommt es oftmals zu begrifflichen und konzeptuellen Verwirrungen, die sich in der Praxis immer wieder als Fallstrick erweisen. Deshalb haben die Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen, die Fachhochschule Münster und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren einen interdisziplinär ausgerichteten Fachtag zur Bündelung wichtiger Diskussionen und Kontroversen gemeinsam geplant und durchgeführt. Im Folgenden werden wichtige Ergebnisse der Veranstaltung mit dem Ziel präsentiert, Klarheit zu alltäglich benutzten Fachbegriffen zu schaffen und den Weg zu interdisziplinärer Kompetenz in den Frühen Hilfen zu ebnen.

Das Bundeskinderschutzgesetz ruft Einrichtungen des Gesundheitswesen und der Kinder- und Jugendhilfe gleichermaßen auf, sich im Kontext Früher Hilfen für ein gutes und gesundes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen einzubringen und einzusetzen. Im Kern geht es bei Frühen Hilfen um den Auf- und Ausbau von Handlungskonzepten, die sich auf zwei Grundüberlegungen stützen: Es sollen zum einen für Familien mit Kindern unter drei Jahren niedrigschwellige Zugänge zu Unterstützungsangeboten geschaffen werden, zum anderen sollen frühzeitig schwierige Lebenslagen und/oder riskante Entwicklungen erkannt und bearbeitet werden, um einer Verfestigung dieser Problemlagen entgegenzuwirken.
Einerseits bezieht sich das „frühzeitig“ demnach auf eine biografische Perspektive, also auf die Entwicklungsphasen von Kindern; andererseits gilt dieses „frühzeitig“ dem Entstehungsprozess von Krisen, indem schon zu einem möglichst frühen Zeitpunkt einer Problementstehung/- entwicklung angemessene und wirksame Hilfsangebote formuliert werden. Diese doppelte Dimensionierung des Begriffs „frühzeitig“ im Kontext Früher Hilfen ist immer wieder Ursache für Verständigungsschwierigkeiten.


Frühe Hilfen – ein innovatives und interdisziplinäres Arbeitsfeld

Die Frühen Hilfen als modernes Leistungsnetz haben sich aus einer kontroversen Kinderschutzdebatte heraus entwickelt und im Laufe der letzten Jahre von ihr emanzipiert. Heute sind neben originären Vertretern und Vertreterinnen der Kinder- und Jugendhilfe auch unterschiedliche Akteure des Gesundheitswesens wie Kinder- und Jugendärzte und -ärztinnen, Familienhebammen, Kinderkrankenpflegekräfte, Fachkräfte der Frühförderung u.a. in diesem Bereich tätig und erbringen passgenaue und niedrigschwellige Leistungen. Sie werden insbesondere dann aktiv, wenn es sich um schwierige Konstellationen des Aufwachsens handelt. Speziell die Kinder- und Jugendhilfe und das Gesundheitswesen sind hier gefordert.
Den Auftrag zur Gestaltung Früher Hilfen gab es bereits in anderen Gesetzen, wie beispielsweise dem Sozialgesetzbuch V und in Gesetzen für den Öffentlichen Gesundheitsdienst. Frühe Hilfen sind allerdings nur dann wirksam, wenn auch andere Instanzen gesellschaftlicher Daseinsvorsorgemit integriert werden, wie z.B. die materielle Sicherung von Eltern und Kindern. Deshalb wird überall in Deutschland an und in Netzwerken Früher Hilfen gearbeitet, die mit dem Bundeskinderschutzgesetz seit 2012 auch rechtlich bindend sind und inzwischen einen hohen Abdeckungsgrad haben.
Moderne Hilfesysteme setzen auf Interdisziplinarität. Sowohl im Bereich der Prävention (Frühe Hilfen) als auch im Bereich des Schutzauftrages bei Kindeswohlgefährdung sind die Fachkräfte des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe aufgefordert, eng zusammenzuarbeiten und ihre Arbeitsansätze zu verzahnen. Auf Bundesebene wird dieses Anliegen über die gemeinsame Trägerschaft des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) durch das Deutsche Jugendinstitut (DJI) und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) transportiert. Hier arbeiten Wissenschaft und Praxis gemeinsam daran, Disziplinen und Professionen zu verzahnen.

Aktuelle Probleme und Herausforderungen – Kooperation ist nicht voraussetzungslos!
Im Zuge solcher Verzahnungen stellt sich aber zunehmend heraus, dass den vielfältigen Akteuren die prägenden Denk- und Handlungsmuster der jeweils anderen Disziplin nicht hinreichend vertraut sind. Fachliche, rechtliche, organisatorische und ökonomische Besonderheiten innerhalb der einzelnen Handlungsfelder sind oft nur schemenhaft bekannt, obwohl sie den Hintergrund jeglicher Kooperation darstellen. Hinzu kommen unterschiedliche Fachsprachen und Terminologien, die von Vertretungen der einzelnen Disziplinen durchaus auch unterschiedlich belegt sind. Diskussionen in lokalen Netzwerken, auf überregionalen Fachveranstaltungen oder in interdisziplinär zusammengesetzten Gremien zeigen, dass die Begriffe „Frühe Hilfen“, „Kindeswohlgefährdung“, „Prävention“ oder „Qualitätsmanagement“ in den Disziplinen sehr unterschiedliche Konnotationen haben können.

Die berufliche Verankerung der Fachkräfte in ihren jeweiligen Referenzsystemen, z.B. Kinder- und Jugendhilfe, Gesundheitswesen, Sozialhilfe, Schule, Frühförderung, Arbeitsverwaltung etc., stellt durch die unterschiedlichen gesetzlichen Grundlagen des Handelns eine in der Diskussion zumeist unterschätzte Barriere der Kooperation und Vernetzung dar. Weitere Schwierigkeiten gehen mit den damit jeweilig verbundenen spezifischen Finanzierungsquellen und -modalitäten, ihrer fachhistorisch und professionell begründeten eigenen Fachsprache und mit den gewachsenen gesellschaftlichen Erwartungen und Aufträgen an die einzelnen Systeme einher. Daher kommt es zu typischen Problemen und Fallstricken in der interdisziplinären Kooperation, wie:
• unklare Übergänge und Schnittstellen,
• mangelnde fallunspezifische Vernetzung,
• unproduktive Verweisungsund Delegationsketten,
• Unkenntnis über und fachliche Vorurteile gegenüber anderen Institutionen,
• Angst und Überforderung der Fachleute,
• Prestige- und Machtkonflikten und
• ungeklärte Zuständigkeiten.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie es unter dem Anspruch interdisziplinärer Kooperation gelingen kann, Fähigkeiten zu stärken, Theorien, Methoden, Menschenbilder und Kompetenzen verschiedener Fachgebiete zu verbinden. Vor allem das Gesundheitswesen und die Kinder- und Jugendhilfe, aber auch die materielle Sicherung und weitere psychosoziale Versorgungssysteme benötigen Lösungen für die immer komplexeren Anforderungen im Kontext präventiver Unterstützungsangebote. Dazu ist es vor allem notwendig, zunächst ein gemeinsames Verständnis grundlegender Begriffe zu entwickeln.

Interdisziplinäre Kompetenz – Was heißt das?

Der Begriff der interdisziplinären Kompetenz nimmt diese Herausforderung auf. Es geht hierbei darum, ein Verständnis für die Besonderheiten der anderen Handlungsbereiche zu entwickeln und die Denkvoraussetzungen der anderen Disziplinen zu kennen. Es geht auch darum, die Handlungsrationalitäten der anderen Disziplinen nachzuvollziehen und zu verstehen, die „Sprache“ und „Sprachspiele“ der anderen Disziplinen zu kennen und ggf. dechiffrieren zu lernen und damit Anknüpfungspunkte für Kooperationen auszuloten.
Es geht also im Kern um Neugierde, Offenheit und Interesse an den Handlungsabläufen innerhalb der anderen Disziplin und um die Schaffung von wechselseitigen Erfahrungsräumen. Gelingende Frühe Hilfen sind auf eine situative Ausgewogenheit zwischen Kenntnis und Deutung der anderen Handlungsweisen und selbstbewusster Kenntnis der Stärken und Schwächen der eigenen Disziplin angewiesen. Als Grundvoraussetzungen interdisziplinärer Kompetenz gilt in Anlehnung an den hier nicht so fernen Begriff der interkulturellen Kompetenz, das Bestreben, das Verständnis für andere Handlungsweisen und Denkmuster zu vertiefen und die Fähigkeit, den eigenen Standpunkt transparent zu vermitteln. Es gilt, Flexibilität zu zeigen sowie klar oder deutlich zu sein, wo es notwendig ist. Wichtig ist bei alledem ein kritischer Umgang mit und die Reflexion von eigenen Vorurteilen gegenüber anderen Professionen und Disziplinen. Zusammenfassend geht es um die Schaffung von Gelegenheitsstrukturen für interprofessionelles Handeln, deren unterschiedliche Grade sich folgendermaßen veranschaulichen lassen:

Grundbegriffe und Praxis Früher Hilfen
Damit Frühe Hilfen gelingen, sind Fachkräfte des Gesundheitswesens und der Kinder- und Jugendhilfe aufgefordert, eng zusammenzuarbeiten, ihre Arbeitsansätze zu verzahnen und belastbare Strukturen der Zusammenarbeit in Netzwerken herzustellen. Interdisziplinäre Kompetenz basiert zunächst auf einem gemeinsamen Begriffsverständnis von handlungsfeldbezogenen Schlüsselbegriffen. Gelingt es nicht, hierüber eine Verständigung zu erreichen, kommt es meist zu Irritationen und somit zu erheblichen Stolpersteinen in der Zusammenarbeit.


Im Folgenden sollen einige der wichtigsten Begriffe erläutert und eingeordnet werden:

I.  Kinderschutz – Schutzauftrag – Frühe Hilfen

Durch die unterschiedlichen Assoziationen zum Begriff des Kinderschutzes, die u.a.

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